Herzlich Willkommen im STVC!

Community-Menü

Brücke Chat Forum TrekBay Wer ist online?


Newsinhalt

STVC-Kurzgeschichten-Event: "Eine unheimliche Begegnung"

Beim 2. Kurzgeschichten-Event des Jahres 2008 wurde den kreativen Köpfen im STVC die Aufgabe gestellt, eine Geschichte zum Thema "Eine unheimliche Begegnung" zu schreiben. Die Community hat nun abgestimmt und wir wollen Ihnen die Gewinner prästentieren.

Platz 1: Abgesandter_Sisko mit ...

Dämmerung

Das kalte, weiße Licht sprang an. Selbständig und geräuschlos arbeiteten die Instrumente.
"Bitte nennen sie die Art des medizinischen Notfalls..." Der kahle Mann erschien aus dem Nichts. Kalt und leblos. Klassifizierend und berechnend blickten seine Augen durch den Raum. Eine letzte Auswertung und er verschwand in das Nichts, aus dem er kam.

Er wusste es war ein neuer Tag, als er erschien. Hektische Stimmen erhallten.
"Bitte nennen sie die Art des medizinischen Notfalls...", bat er. Selbstverständlich.
"Doc! Es gab eine Plasmaexplosion auf Deck 11! Es gibt mehrere..."
Er fragte bereits die benötigten Informationen ab, berechnete die erfolgsversprechendste Vorgehensweise, identifizierte anhand der Stimmen im Raum die anwesenden Personen und lies Lt. Tom Paris, Gattung: Mensch, in Ruhe aussprechen.
"Lt. Paris, koordinieren Sie die Verabreichung von 47 Milligramm Dolodoberndan gegen mögliche Strahlungs..."
Dafür wurde er erschaffen. Das war seine Funktion. Das wusste er.

Seitdem er die Nachbehandlung des letzten Plasmaunfallpatienten abgeschlossen hatte, waren exakt sieben Tage, elf Stunden und vier Minuten vergangen.
"Bitte nennen sie die Art des medizinischen Notfalls..." Keine Antwort. Keine Stimmen, keine Bewegungen. Identische Prozesse schlussfolgerten innerhalb der gleichen Zeitspanne das Ende seiner benötigten Anwesenheit.

Es vergingen 36 Sekunden.
"Bitte nennen sie die Art des medizinischen Notfalls..."
Das Licht schien kalt und weiß. Die Instrumente, Diagnosestationen und Monitore arbeiteten stumm. Seine Anwesenheit wurde nicht benötigt.

"Bitte nennen sie..."
"Doc, Sie sollten sich das anschauen!", wurde er unterbrochen. Ein junger Mann - Gattung: Mensch, Name: Harry Kim, Dienstrang: Fähnrich - hielt ihm die Hand direkt vor das Gesicht. Er prüfte, wie viel Zeit vergangen war: 21 Minuten, 26 Sekunden.
"Bitte folgen sie mir.", bat er den Fähnrich, untersuchte die Hautirritation und berechnete die Heilungsmöglichkeiten.
"Das juckt irgendwie.", beschrieb der Fähnrich. Die Subprozesse analysierten die Aussage als für den Heilungsprozess irrelevant und zugleich als unnötige Bemerkung. Eine Analyse, die zum ersten Mal durchgeführt worden war.
"Alles in Ordnung Doc?", fragte Harry Kim. Auch dies geschah nach interner Datenbankabfrage zum ersten Mal. Er beschloss, auf die menschliche Floskeln nicht zu antworten und fragte stattdessen:
"Fähnrich Kim, haben sie mich mit ihrem medizinischen Notfall bereits vor 23 Minuten und 24 Sekunden aufgesucht?"
"Ich? Nein, Doc. Ist wirklich alles in Ordnung?"
Da seine Anwesenheit nicht mehr benötigt wurde, deaktivierte er sich und verschwand.

"Bitte nennen sie die Art..." Diesmal unterbrach er sich selbst, denn nachdem er materialisierte blieb es dunkel. Einen Sekundenbruchteil lang. Dann sprang das Licht übergangslos an.
"Hallo?", rief er. Diese Vorgehensweise war ihm logisch erschienen. Keine Antwort. Er ging einen Schritt vor. Dann weitere. Die Veränderung des Blickwinkels änderte nichts an der Deduktion: Es existierte kein Medizinischer Notfall. Er deaktivierte sich. Eine nützliche Funktionalität, die man ihm erst kürzlich hinzugefügt hatte.

Als er am darauffolgenden Tag erneut aktiviert wurde - weil Lt. Suder sich über Schlafmangel beklagt hatte - beantragte er bei den technischen Ingenieuren eine Wartung seiner Systeme. Er missachtete die Routine sich nach Beendigung des medizinischen Notfalls selbst zu deaktivieren, indem er seine technische Wartung höher priorisierte. Still stehend vergingen vier ereignislose Stunden ehe Lt. Torres, Gattung: 52,89% Mensch - Klingone, eintraf.
"So Doc, was haben sie denn für Beschwerden?", scherzte jene gut gelaunt.
"In unregelmäßigen Abständen werde ich aktiviert, obwohl kein medizinischer Notfall vorliegt.", konkretisierte er.
"Na dann wird sich wohl jemand ein Scherz mit ihnen erlaubt haben...", grinste sie.
"Es war sonst niemand in der Krankenstation.", fügte er daraufhin hinzu und bemerkte wie Lt. Torres Lächeln verblasste und sich ihre Schultern leicht senkten.
"Ist es etwas... Schlimmes?", fragte er.
"Nein, aber es wird wohl eine ganze Weile dauern ihre Systeme zu checken, fürchte ich. Und ich hätte eigentlich noch anderes zu tun..." Er wurde deaktiviert.

Als er erneut aktiviert wurde, verzichtete er auf die übliche Frage, denn anwesend war lediglich Lt. Torres. Eine Synchronisation mit dem Schiffscomputer ergab, das 134 Minuten vergangen waren.
"So, Doc. Wie es aussieht ist alles in Ordnung mit Ihnen. Ich habe rein technisch keine Fehler feststellen können. Vielleicht sollte ich mir bei Gelegenheit die Sensoren der Krankenstation anschauen... Schließlich lösen jene ihre Aktivierung aus, sowie jemand den Raum betritt."
"Veranlassen Sie das bitte.", sagte er nur. Und deaktivierte sich selbst.

"Bitte nennen..." Er verharrte sofort in der Dunkelheit und zögerlich sprang das Licht an. Diesmal lief er sofort auf und ab, blickte sich um, schaute in jede Ecke... niemand anwesend.
"Hallo?", rief er und wartete. Seit seiner ersten Aktivierung waren wenige Wochen vergangen.
"Sollte dies ein Scherz sein, dann bitte ich Sie künftig das medizinische Notfallprogramm lediglich für medizinische Notfälle zu nutzen." Keine Antwort. Fünf Sekunden später verschwand er.

Als er wieder auftauchte - diesmal war es bereits hell in der Krankenstation - waren keine 48 Sekunden vergangen. Er stemmte die Hände in die Seiten und schnaubte. Eine Subroutine, die ihm menschliche Gestik und Mimik ermöglichte war wohl ausgelöst worden. Und das erstaunte ihn sichtlich.
"Computer.", befahl er. "Befindet sich ein Crewmitglied in der Krankenstation?"
"Es befindet sich momentan kein Crewmitglied in den gewählten Räumlichkeiten.", erklang es prompt.
"Computer. Ich spezifiziere, befindet sich, abgesehen von einem Crewmitglied, Irgendjemand in der Krankenstation?" Diesmal dauerte es länger.
"Positiv."
Hatte der Computer soeben tatsächlich gezögert?
"Computer, handelt es sich dabei um Neelix oder Kes?"
"Negativ.", erklang es sofort.
Langsam drehte er den Kopf in beide Richtungen, schaute dabei auch zum Boden und zur Decke, versuchte etwas wahrzunehmen, eine Bewegung oder ein Geräusch, das leise Atmen eines Lebewesens.
Mit einem zischenden Geräusch glitt die Tür auf.
"Doc! Schnell, es gab ein Shuttleabsturz, Fähnrich..." Die Prozesse und Routinen übernahmen. Seine Aufgabe, Funktion und auch Bestimmung: Leben retten.

"Wie geht es Fähnrich Tsim?" Er blickte von dem Kontrollpult auf und erkannte Kathrin Janeway, Mensch, Captain des Schiffes.
"Fähnrich Regayov Tsim wird in wenigen Stunden wieder diensttauglich sein. Es ist mir durch eine vertikale Autogeneriasion nach rigelanischem Vorbild..."
Janeway hatte die Hand gehoben, eine Geste die ein Gespräch unterband. Und als Captain hatte sie das Recht dazu und so schwieg er.
"Das ist gut.", sagte sie leise mit Blick auf die grünen Anzeigen am Monitor.
"Captain Janeway...", ergriff er das Wort. "Ich denke wir haben einen Eindringling an Bord."
Bei dieser Behauptung wurde sie sofort hellhörig, hob den Kopf, die Pupillen verengten sich leicht. "Wie kommen sie darauf?"
"Für gewöhnlich werde ich aktiviert, sowie jemand die Krankenstation betritt. Allerdings geschieht es in letzter Zeit häufiger, dass ich aktiviert werde, obwohl sich hier niemand aufhält, der Computer hat dies bestätigt."
"Erzählen Sie mir alles.", forderte sie. Und er beschrieb die Ereignisse der letzten Tage.
"Janeway an Torres", rief sie in ihren Kommunikator, "Ich möchte dass Sie jede Aktivität des Holographischen Notfallprogramms protokollieren und analysieren."

Es vergingen keine zwei Tage. Die Aktivierung und das Erscheinen, das Licht, das ansprang, das Blinken der Kontrollmonitore. Kein Laut zu hören, kein Atmen, nichts zu sehen. Er begann auf und ab zu laufen. Schaute in jede Ecke, in jeden Winkel, begann sogar die Schubladen und Fächer aufzumachen, dort nach etwas Unbekanntem zu suchen. Und letztendlich beschloss er, sich nicht zu deaktivieren und lauernd abzuwarten. Was auch immer sein Erscheinen auslöste, er wollte es sehen, hören und erleben, sowie es wieder zum Vorschein kam. Das Licht erlosch und er blieb regungslos stehen, wachsam und auf jedes Geräusch fixiert. In die Dunkelheit starrend.

Zu Beginn der morgendlichen Dienstschicht des Schiffes glitt die Tür auf.
"Captain. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?", fragte er sogleich, noch bevor Janeway, dicht gefolgt von Belana Torres, den Raum betreten und die Tür sich wieder geschlossen hatte.
"Nun.", begann Belana. Er ertappte sich dabei, dass er Janeways Gesichtsausdruck zu analysieren versucht hatte. Erfolglos.
"Ich bin wirklich keine Expertin auf dem Bereich der Holo-Programme, aber es sieht für mich so aus... nach Analyse aller Daten Ihrer letzten Aktivierung..." Sie hielt inne.
"Leutnant, bitte. Wer ist es? Wer oder was ist dafür verantwortlich?"
"Sie selbst.", antwortete Janeway. Und plötzlich lag da ein Schmunzeln auf ihren Lippen.
"Was meinen sie damit: Ich selbst?", er blickte Beide abwechselnd an.
Janeway legte ihre Hand auf seine Schulter.
"Es scheint, als wollten Sie selbst nicht im deaktivierten Zustand bleiben. Und unterbewusst oder nicht... falls man das so formulieren kann in Ihrem Falle... aktivieren Sie sich einfach."
"Ich... aktiviere mich?" Er blickte Belana fragend an.
"Wie bereits gesagt, ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet. Aber es scheint so, ja."
"Kann man die Fehlfunktion beheben?", fragte er.
"Beheben?" Belana lachte auf. "Ich habe nicht einmal verstanden wie Sie genau funktionieren! Da werde ich auf keinen Fall etwas daran ändern, sonst könnte es sein, dass Sie beginnen Herz und Niere zu verwechseln und ich bin es dann gewesen!"
"Und? Und was machen wir jetzt?"
"Wir? Nichts.", sagte Janeway bestimmt. "Sie sind ein voll funktionstüchtiger Mediziner. Das werden wir gewiss nicht aufs Spiel setzen."
"Tuvok an Janeway!", erklang es aus den Lautsprechern.
"Janeway hier. Was gibt es Leutnant?"
"Sir, Sie sollten zur Brücke kommen. Reichweitensensoren haben eine neuartige unbekannte Anomalie entdeckt."
"Bin unterwegs.", schloss sie ab.
"Was Sie angeht, Doc", nahm sie wieder auf, "Sie sollten sich vielleicht nicht mehr deaktivieren, wenn es sie so stört." Sie schritt in Richtung des Ausganges.
"Aber. Was soll ich dann tun, bis zum Eintreffen eines Notfalles?"
"Ihre Probleme hätte ich gern.", murmelte Belana noch hörbar. Die Tür glitt auf.
"Lesen Sie! Oder malen Sie etwas. Oder von mir aus auch Singen! Hauptsache, Sie erfüllen ihre Pflicht!", rief Janeway aus dem Türrahmen zurückblickend und verschwand.
"Oder denken Sie sich einen Namen für sich aus...", riet Belana zwinkernd.

Als eine Stunde später die Tür erneut aufglitt, und Chakotey die Krankenstation betrat, stand der holografische Doktor immernoch wie angewurzelt da.
"Nanu.", wunderte sich Chakotey. "Sie sind ja bereits aktiviert..."



Platz 2: Seven_ mit ...

Mauritia

Lino Cartner sah auf das kaputte Willkommensschild. Es fehlte genau der letzte Buchstabe, O, sodass in angelaufenen Bronzelettern ''Hell'' über der Tür stand.
Lino vergrub die Hände in den Hosentaschen und ließ seinen Blick über das eigenartige Bild schweifen, das sich ihm hier bot.
Hell. Das traf den Nagel auf den Kopf. Anscheinend war der Name hier Programm.
Ein Garten, der aussah, als hätte man ihn Jahre nicht betreten, Unkraut mit den Ausmaßen eines Schutzwalls, eine Art Sumpf, der wohl in seinen besten Zeiten ein Fischteich gewesen war.

Über die Anzeige für das Haus war er eher zufällig in der Tageszeitung gestolpert.
Jetzt, hier vor dem Haus, neben der gestriegelten Maklerin mit Dutt und Perlweiß-Lächeln, da musste er zugeben, dass das Bild des Hauses mehr versprochen hatte als das Original zu bieten hatte. Aber es war eine Bleibe, und die brauchte er, nun, da er nichts mehr hatte, seine Frau ihn rausgeworfen und alles verkauft hatte.

Die Maklerin griff in ihre Kostümjacke und holte einen alten Schlüssel hervor, wie man ihn aus alten Filmen kennt. Bis die Tür nachgab brauchte es zwei Versuche und einen gezielten Tritt mit den Highheels.

Innen war es dann, als würde er eine andere Zeit betreten. Ein unter Staub versteckter Schaukelstuhl, ein Kamin, der sich perfekt in eine Ecke schmiegte, Reste einer Tapete. Die Decke zierte edler Stuck, es stand da ein Herd, mit dem wohl schon seine Großmutter gekocht hatte. An der Wand hing ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Bild von 1935, das ein hübsches junges Pärchen zeigte; die Frau hatte sich bei dem Mann eingehakt und beide trugen altertümliche Kleidung.
Und dennoch, das Haus hatte Charme.

Nach einigen Wochen intensivsten Schuftens hatte er es geschafft. Das Haus war geputzt, neu tapeziert und repariert, das Dach war heil und der Garten hatte die Bezeichnung wieder verdient. Möbel und Bilder schafften Wohnlichkeit.
Lino hatte die Arbeit auf Händen und Knien gut getan, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Mittlerweile hatte er sich in dieses alte Haus verliebt.
An diesem Abend hatte er sich vorgenommen, sein Werk anständig mit einer Flasche Rotwein und einer guten Schokolade zu zelebrieren.
Gerade, als er einen Film aus der Zeitung ausgewählt und es sich bequem gemacht hatte, klingelte das Telefon.

Sein Beschluss, das penetrante Läuten zu ignorieren, scheiterte jäh.
Lino schlurfte zum Telefon und hob den Hörer.
''Cartner?'' meldete er sich brummend.
''Hallo, Lino, ich bin's'', meldete sich seine Mutter ekelhaft gut gelaunt.
''Hey. Was gibt's?'' Er war alles andere als in der Laune, mit seiner Mutter zu sprechen.
''Ich wollte nur hören, wie es dir geht, ob du dich schon eingelebt hast. Du hast dich nicht gemeldet... .''
''Sicher. Alles bestens.''
''Oh. Schön.'' Seine Mutter schien nicht recht zu wissen, wie sie beginnen sollte. ''Tja... und sonst? Ich meine, hast du nachgedacht?''
Lee runzelte die Stirn. ''Worüber?''
''Na, du weißt schon, über Susan. Ich meine, wie soll es denn jetzt weitergehen mit euch? Habt ihr geredet?''
Daher wehte also der Wind. Seine Mutter wollte wissen, ob sie ihre heiß geliebte Schwiegertochter verlieren würde.
Er atmete tief durch. ''Deshalb rufst du also an. Darauf habe ich gerade ehrlich keine Lust. Gib mir ein paar Wochen, um anzukommen, ja?''
''Du kannst dich aber jetzt nicht in diesem alten Gemäuer einigeln und darauf warten, dass es sich von selbst regelt'', protestierte seine Mutter.
''Ich hab nie behauptet, dass ich das vorhabe. Lass das mal meine Sorge sein'', antwortete Lino und rang sich alle Fassung ab.
''Aber...'', begann seine Mutter, doch er fuhr barsch dazwischen.
''Kein Aber. Ich bin alt genug, das alleine zu regeln, okay?''
Er seufzte und fuhr etwas ruhiger fort: ''Danke, dass du dir Sorgen machst, aber das musst du nicht. Ich melde mich. Mach's gut, Mum!''
Er legte auf und setzte sich kopfschüttelnd auf das Sofa.

Kaum hatte er nach der Fernbedienung greifen wollen, begann das Telefon erneut zu klingeln. Was jetzt, hatte sie einen Punkt vergessen?
Genervt sprang er auf und nahm ab.
''Was ist denn jetzt noch, Mum? Gibt es vielleicht noch mehr, dass du mir vorhalten kannst?'' Er seufzte wieder und begann sich mit der freien Hand die linke Schläfe zu massieren. Irgendetwas sagte ihm, dass dieser Tag mit Migräne enden würde.

''Ist Mauritia da'', fragte eine fremde Männerstimme, die definitiv nicht seiner Mutter gehörte.
''Nein. Hier ist Lino Cartner. Sie haben sich vermutlich verwählt'', antwortete Lino und war froh, dass ihm ein weiterer Smalltalk erspart bleiben würde.
Stille. Dann ein Knacken. ''Hallo?'' Nichts. Lino wollte gerade auflegen. Wieso konnten die Leute nicht einfach zugeben, wenn sie sich verwählt hatten?
''Kann ich Mauritia sprechen, bitte?'', bat die Stimme nach einer Pause erneut, als hätte Lino nie etwas gesagt.
Er seufzte. ''Es tut mir leid, aber es gibt hier keine Mauritia. Sie haben sich ganz bestimmt verwählt. Wie wär's, wenn Sie einfach nochmal neu wählen, ja?'' Schlug Lino vor und legte schwungvoll auf.

Gerade als er im Begriff war, sich wieder auf dem Sofa zu räkeln, klingelte es ein drittes Mal an diesem Abend. Sich zur Ruhe zwingend nahm er wieder den Telefonhörer in die Hand. ''Ja?''
''Mauritia?'' Wieder die Stimmte des unbekannten Anrufers.
Lino schloss für zwei Sekunden die Augen, massierte seinen Nasenrücken und zählte gedanklich bis drei ehe er antwortete. ''SIE schon wieder! Hören Sie, ich habe Ihnen doch erklärt, dass es hier niemanden mit dem Namen Mauritia gibt. Sind Sie sicher, dass Sie die richtige Nummer haben?'' Lino raufte genervt sein Haar. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn missmutig feststellen, dass sein Film bereits begonnen hatte.
''Ich möchte mit Mauritia sprechen'', antwortete der Mann am anderen Ende der Leitung höflich.
''Wollen Sie mich einfach nicht verstehen oder kapieren Sie es wirklich nicht?'' Lino hatte inzwischen wirklich Mühe, ruhig zu bleiben. Wollte ihn hier jemand auf den Arm nehmen?
''Ist Mauritia da?'' fragte der Fremde erneut und trieb Lino damit endgültig zur Weißglut. Langsam aber sicher begann dieser Mensch ihm gehörig auf den Nerv zu gehen.
'' Wer zur Hölle sind Sie eigentlich?'', wollte Lino wissen und bemühte sich jetzt nicht einmal mehr darum, auch nur im Ansatz freundlich zu klingen.
''Mein Name ist Georg. Kann ich nun mit Mauritia sprechen?''
''Wissen Sie, Georg, Sie bringen mich langsam ziemlich auf die Palme. Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen? Hier wohnt keine Mauritia! Mein Name ist Lino, ich bin ein Mann und lebe allein. Allein!'' Mit diesen Worten knallte Lino den Hörer mit samt Telefon auf den Tisch, krabbelte darunter und stöpselte das Kabel aus.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Lino befand sich auf allen Vieren vor der Telefonbüchse, stand auf und fluchte lauthals, als sein Kopf geräuschvoll unter die Tischplatte knallte.
''Das hat noch gefehlt'', murmelte Lino und warf der Tür einen wütenden Blick zu. Nach Besuch stand ihm noch weniger der Sinn als nach Anrufern. Er wollte doch nichts anderes als einen ruhigen Abend vor dem Fernseher mit seinem Wein und der Schokolade.
Es klopfte erneut.
Während er zur Tür stampfte rieb er sich den Kopf und ging in Gedanken alle durch, die ihn um diese Zeit besuchen konnten. Alles hätte er erwartet; jemanden aus der Nachbarschaft, Kinder, die Streiche spielten, ja sogar seine Mutter oder seine wütende Ex in spe. Doch als er die Tür öffnete, war da... niemand.
Irritiert blickte der Hausherr in das Dunkel. ''Hallo?'' Natürlich kam keine Antwort.
Er ging zurück ins Wohnzimmer und schloss die Tür.
Kaum dass die Tür geschlossen war, ließ ihn ein vertrautes Klingeln zusammenfahren. Wie um alles in der Welt war das möglich? Er hätte schwören können, den Anschluss herausgezogen zu haben!
Behutsam näherte sich Lino dem klingelnden Gerät und beobachtete es, als sei es eine Bombe, die bei falscher Berührung jeden Moment hochgehen konnte. Es klingelte und klingelte und schien wie ein hartnäckiges Insekt, das man nicht erschlagen konnte.
Ebenso wenig wie den Anrufer.

Lino wollte nach dem Hörer greifen, verharrte jedoch in der Bewegung und starrte entsetzt auf das ausgestöpselte Kabel am Boden. Seine Hand schwebte über dem Hörer und sein Herz setzte einen Moment lang aus, nur um dann mit doppelter Wucht weiterzuhämmern.
Er hatte sich also doch nicht geirrt!
Er sagte nichts, als er den Hörer mit zitternder Hand an sein Ohr hielt.
''Mauritia?'' Da! Wieder diese Stimme! ''Mauritia, Liebling, bist du das? Ich bin es!''
''Aufhören!'' Lino schrie jetzt fast, ''Verdammt, lassen Sie das! Wer immer Sie sind, das ist ein ziemlich dummer Scherz und nicht im geringsten komisch. Lassen Sie mich in Ruhe! Ich lasse den Anruf zurückverfolgen, ich zeige Sie an wegen Belästigung!'', brüllte Lino ins Telefon, selbst erschrocken von der Härte und der Lautstärke seiner Worte.
''Mauritia, ich liebe dich'', kam die gesäuselte Antwort aus dem Hörer, woraufhin Lino entschlossen das Telefon packte und es aus dem Fenster schmiss.
''Mir reicht's!'', schrie er dem Telefon hinterher, warf das Fenster zu, dass es nur so klirrte, und zog die Vorhänge zu. Wurde er jetzt endgültig verrückt?
Er schüttelte heftig den Kopf und fuhr sich nervös durch die Haare. Nein, irgendetwas Unerklärliches ging hier vor sich.
''Mauritia?'', vernahm Lino die inzwischen verhasste Stimme und blieb wie vom Donner gerührt stehen. Es gab keinen Telefonhörer mehr, aus dem sie dringen konnte. Sie schien im Raum zu schweben, wie ein Echo.
''Georg?'' gesellte sich nun plötzlich auch eine Frauenstimme dazu, was Lino nun endgültig aus der Fassung brachte. Das konnte doch alles nicht wahr sein! War er Opfer eines bösen Streichs? Befand er sich hier gar bei ''Verstehen Sie Spaß?'' oder ''Versteckte Kamera''?

Die weibliche Stimme war laut, nein, sie war schrill. Sie ließ das Haus erbeben.
Lino krallte sich ans Sofa und versuchte verzweifelt auf seinen Füßen zu bleiben. Der antike Kronleuchter an der Decke zitterte bedrohlich. Putz bröckelte von der Decke und rieselte auf Lino herab.
''Georg? Bist du da?'', die Stimme der Frau hallte mehrfach von den Wänden wider und mit einem Mal fegte ein ungeheurer Wind durchs Zimmer, alle Lichter erloschen und Türen und Fensterläden schlugen heftig an die Wand.

''Ja! Oh, Mauritia!'' flötete der Mann, ''Ja, mein Liebling, ich bin es!''
Lino grub seine Hände in das Sofapolster und bemühte sich nach Kräften irgendwie auf die Beine zu kommen. Der Wind mutierte zu einem ausgewachsenen Sturm, der sämtliches Inventar von seinem Platz riss. Irgendwas traf ihn an der linken Augenbraue.
Er verlor kurz den Halt und versuchte, das Sofa erneut zu greifen, doch es glitt einfach in die andere Richtung des Zimmers.

''Was zum Teufel geschieht hier?'', brüllte Lino und drückte sich an die Wand, seine Stimme verlor sich in dem Chaos. Es kostete ihn Mühe, gegen den wirbelnden Tornado in seinem Wohnzimmer zu kämpfen, noch mehr allerdings, sich einzugestehen, dass da überhaupt ein Tornado in seinem Wohnzimmer wütete.

Lino stieß sämtliche Flüche aus, die er kannte. Er hatte keine Ahnung, was für ein Spiel hier getrieben wurde. Alles, was er gewollt hatte, war ein stinklangweiliger Fernsehabend in seinem Sessel, der gerade durch die Tür in die Küche geflogen war. Bekommen hatte er einen Live-Horrorfilm, mit Plätzen in der ersten Reihe.
Laut stöhnend kroch Lino auf allen Vieren zum Treppenabsatz.
''Mauritia!“ jubilierte ein deutlicher erfreuter Georg, woraufhin jene ein glockenhelles Lachen lachte.
Er wollte nur noch weg, bevor das Haus über ihm zusammenfiel. Er riss sich Stufe um Stufe am Treppengeländer empor, das in den ersten Stock führte. Er schaffte es bis in sein Badezimmer, schloss die Tür hinter sich und ließ sich mit dem Rücken an der Tür entlang zu Boden sinken. Heftig atmend schloss er die Augen. Die Stimmen drangen nur noch gedämpft an sein Ohr, offensichtlich hatten sich seine 'Gäste' lediglich im Wohnzimmer niedergelassen.

Er versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, sofern das überhaupt möglich war, und überlegte, was da genau passiert war. Er war nicht wahnsinnig, soviel stand fest. Das, was immer es war, passierte tatsächlich. Und noch während er über das Wie nachdachte, überwältigte ihn die Erschöpfung.

Als Lino die Augen öffnete, drang helles Sonnenlicht durchs Fenster und kitzelte seine Nase. Er zog sich am Türgriff hoch und stöhnte, als er seine Muskeln spürte. Er musste die ganze Nacht über in der unbequemen Haltung dort gesessen haben.
Er hörte einen Wagen vorfahren. Lino trat ans Fenster und sah hinaus.
Eine junge Frau, die ihm bekannt vorkam, ging die Auffahrt entlang. ''Wollen Sie zu mir?'', rief er hinunter. Sie sah auf und nickte. ''Moment, bin gleich da!''
Er holte tief Luft, öffnete die Tür des Badezimmers und spähte in den Korridor. Nichts, kein Ton. Ob er nur geträumt hatte? Er fuhr sich durchs Haar, ein stechender Schmerz an der Braue war die Folge. Er tastete vorsichtig nach der Wunde. Nein, kein Traum.

Langsam näherte er sich der Treppe und mit jeder Stufe, die er sich seinem Wohnzimmer näherte, wurde ihm das Ausmaß der ausgelassenen Nacht deutlicher.
Nichts stand mehr an seinem Platz; Bilder waren auf dem Boden verteilt, Gegenstände lagen zerstört im Weg herum, er trat auf Scherben und ging an umgestürztem Mobiliar vorbei. Regale waren umgekippt und hatten den Inhalt unter sich begraben. Der Kronleuchter war inklusive einem Stück Decke von selbiger gefallen und thronte nun inmitten des zusammengebrochenen Wohnzimmertisches.
Treffender ließ sich dieser Anblick nicht beschreiben als mit dem Vergleich einer eingeschlagenen Bombe in das Wohnzimmer, kurz nachdem eine Herde tollwütiger Tiere es durchquert und auseinander genommen hatte.

Er warf einen flüchtigen Blick in den zerbrochenen Wandspiegel und stellte fest, dass er genauso elendig aussah wie er sich fühlte. Er wischte sich mit dem Ärmel durchs Gesicht und öffnete.
''Hallo, ich bin Laura Fey'', stellte sich die Besucherin vor, ''meine Großmutter hat mir das Haus vererbt, doch ich musste es verkaufen. Ich wollte sehen, ob sich der neue Besitzer hier wohlfühlt. Ich... oh!'' Sie sah auf einen Punkt am Boden. Lino folgte ihrem Blick und sah das Bild des Pärchens, das bei dem Chaos neben die Tür gewirbelt war.
Mit verklärtem Blick hob Laura es auf.
''Kennen Sie sie?''
''Oh aber ja'', sie lächelte, ''1935 wurde dieses Haus von dem jungen Mann hier erbaut, zu Ehren seiner Geliebten. Kurz vor der Fertigstellung zog er in den Krieg, in dem er heldenhaft sein Leben verlor. Zurück blieb die Frau mit ihrem ungeborenen Kind. Sie verließ das Haus, noch ehe es fertig gebaut wurde, seither wurde nie mehr etwas von ihr gehört. Man munkelt, dass ihre Geister auf jemanden warten, der das Haus fertig baut, deshalb bin ich es so lange nicht losgeworden. Das Haus steht seit jenem Tage jedenfalls leer.'' Laura streichelte liebevoll über das Foto. ''Das sind meine Großeltern, Georg Friedrich und Mauritia Eleonora.''
Lino schluckte und warf einen Blick hinter sich ins Zimmer. So sah es also aus, wenn Geister eine Einweihungsparty feierten.



Platz 3: Benjamin_Sisko mit ...

Raum 42

Aus dem privaten Logbuch von Harry Kim.

1. Tag
Wir haben es geschafft. Die Verhandlungen mit Enuhri verliefen überaus erfolgreich und wir befinden uns nun auf dem Rückflug zur Voyager. Im Austausch für ein wenig Deuterium erhielten wir ihre Erlaubnis, durch ihr Territorium zu fliegen, was unsere Heimreise um ganze drei Jahre verkürzen wird. Commander Chakotay war bisher sehr schweigsam und hat sich seit dem Verlassen des Heimatplaneten der Enuhri in den hinteren Teil des Shuttles zurückzogen, um sich ein wenig seiner Meditation hinzugeben. Ich weiß nicht, ob etwas mit dem Gespräch mit dem Abgesandten der Enuhri zu tun hatte, mit dem er sich lange Zeit unter vier Augen unterhielt. Auf jeden Fall kommt es mir so vor, dass er seit diesem Zeitpu ...

3. Tag
Der Angriff erfolgte schnell und präzise. Das Shuttle musste plötzlich einen harten Treffer einstecken und ehe ich die Schilde hochfahren konnte, wurde unser Shuttle auch schon von mehreren unbekannten Eindringlingen geentert. Obwohl ich unbewaffnet war, zogen sie, ohne auch nur ein Wort zu sagen ihre Waffen und schossen auf mich. Was dann geschah weiß ich nicht mehr. Ich verlor das Bewusstsein und als ich am gestrigen Tag wieder aufwachte, fand ich mich in diesem großen dunklen und maroden Raum wieder. In manchen Fenstern war das Glas bereits zerbrochen und der kalte Wind erzeugte dadurch ein sehr beängstigendes Heulen. Mir fiel auf, dass mein Bein an der Wand festgekettet war und ich begann daran zu zerren und zu reißen. In mir stieg Panik auf und ich begann laut nach Hilfe zu schreien, ehe mich eine wohlbekannte Stimme unterbrach. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich Commander Chakotay und ein weiterer Gefangener in diesem Raum befanden. Ich kannte seine Spezies nicht. Den Exkrementen, die um ihn herumlagen zu urteilen legte nahe, dass er sich schon viel länger als wir hier sein musste und dass unsere Entführer sich wohl wenig um uns kümmerten. Er stellte sich als Samir vor und obwohl er jegliches Zeitgefühl verloren hatte, schätzte er, dass er bereits seit über zwei Monaten hier war. Wie wir wurde er entführt, als er mit seinem Frachtschiff den Enuhri-Raum verließ. Die Entführer seien die Maklei, eine Rasse, die schon jahrelang Krieg mit den Enuhri führe und jedes Schiff angreife, dass dessen Raum verliefe. Wie ich schon vermutete, sagte er uns, dass sie sich um ihre Gefangenen nicht sonderlich gut kümmerten. Mit maximal einer Mahlzeit am Tag sei zu rechnen, sofern man sich kooperativ verhielt. Ansonsten könnte es sein, dass man mehrere Tage nichts zu Essen bekömme. Ich schlug Chakotay vor, dass wir uns einen Fluchtplan ausdenken sollte, aber er meinte nur, dass wir in unserer gegenwärtigen Lage gar nichts unternehmen könnten und deshalb unsere Kräfte schonen sollten, bis unsere Entführer sich uns zeigten und man uns erklärte, wieso man uns gefangen nahm. Obwohl sich in mir alles sträubte, der Dinge tatenlos entgegenzutreten, wusste ich, dass Chakotay recht hatte. Durch den Angriff durch den Betäubungsbeschuss war ich noch ziemlich ausgelaugt und ich legte mich hin, um ein kurzes Nickerchen zu machen.

Ich muss die Nacht wohl durchgeschlafen haben, denn als ich erwachte, schien die Sonne durch die zerbrochenen Fenster. Da Chakotay und der andere Gefangene noch schliefen versuchte ich mir, einen allgemeinen Überblick zu verschaffen. An der Wand entdecke eine Vertiefung, die mir gestern in der Dunkelheit noch nicht aufgefallen war. Als ich mit meiner Hand hineingriff, stieß ich auf zwei Gegenstände. Der eine war ein vollgeschriebener Schreibblock, auf dem mir unbekannte Schriftzeichen standen. Der andere war der dazugehörende Stift. Durch meine scheinbar lauten Bewegungen habe ich wohl Samir aufgeweckt. Er erzählte mir, das dieser Block das Tagebuch eines ehemaligen Gefangenen sei. Über dessen Schicksal schwieg er jedoch eisern. Ich beschloss die Aufzeichnungen fortzuführen, damit jeder nach unserer Rettung erfahren wird, was hier geschah.

4. Tag
Als ich mich gestern Abend schlafen legen wollte, glaubte ich Musik von irgendwo unterhalb von mir zu hören. Als ich den anderen davon erzählte, sah ich großes Entsetzen in Samirs Augen. Ohne ein weiteres Wort mit uns zu Reden, wandte er sich von uns ab und begann am ganzen Leib zu zittern. Was es auch immer mit der Mus ...

Gerade eben hat sich die Tür am Ende des langen Ganges geöffnet. Ich konnte meine Notizen gerade noch unbemerkt in der Nische verstecken, ehe sich unsere Entführer das erste Mal zeigten. Wie schon bei dem Angriff vor vier Tagen erschienen sie maskiert und reden kein Wort. Ein von ihnen deutete auf Chakotay und der andere schoss aus kürzester Distanz auf. Ich wurde wütend und wollte mich mit lauten Gebrüll auf die Entführer stürzen. Obwohl ich sie aufgrund meiner Fußfessel nie erreichen konnte, wurde auch ich mit einem Lähmstrahl niedergestreckt. Als ich dann später wieder erwachte war Chakotay verschwunden.

8. Tag
Von Chakotay fehlt noch immer jede Spur. Samir erzählte mir, dass sie ihn verhören und foltern würden. Manchmal taten sie dies ohne einen wirklichen Grund, nur um ihre Opfer zu brechen und sie gefügig zu machen. Ich glaube nicht, dass sie bei Chakotay etwas erreichen werden. Als Sternenflotten-Offizier weiß er, wie man sich solchen Methoden zur Wehr setzt und er würde eher sterben, als dem Feind irgendwelche Informationen zu verraten. Ich werde auf jeden Fall niemanden meiner Freunde verraten, egal was sie mir auch noch antun werden.

In den letzten Tagen habe ich wohl auch ein wenig das Vertrauen von Samir gewonnen. Er ist nun viel redseliger als zu Beginn geworden und hat mir viele Dinge von seiner Familie erzählt, die er hofft er eines Tages wiederzusehen. Er gab mir viele nützliche Tipps, wie ich mich als Gefangener und bei einem Verhör verhalten sollte, um so gut wie möglich aus dieser Sache herauszukommen. Ich würde sogar sagen, dass ich ihn nach diesen gemeinsamen Tagen als einen Freund betrachten würde und ich versprach, dass wir ihn mitnehmen würden, wenn die Voyager uns befreit. Nur wenn ich ihn auf diese Musik ansprach, wandte er sich von mir ab und verbrechte den Rest des Tages in Schweigen.

11. Tag
Mir fällt es schwer, in Worte zu fassen was Samir mir heute erzählt hat. Ich wünschte sogar, ich hätte ihn nie nach dieser Musik gefragt. Irgendwo in diesem Gebäude gäbe es einen Raum, in dem angeblich die größten Ängsten wahr werden. Dorthin bringen sie die Personen, bei denen zuvor jegliches Verhör scheiterte und die sie nicht brechen konnten. Selbst die gestandensten Anführer hätten darin ihre eigene Familie verraten. Und selbst diejenigen, die nichts verrieten, waren danach derart gebrochen, dass ihn den kommenden Tagen an den Folgen starben.

Samir erzählte mir nun von der Person, die die Hälfte des Tagebuchs geschrieben hatte. Von seinem Charakter her ähnelte er Chakotay. Groß, kräftig gebaut und man spürte bei ihm deutlich die Aura eines Anführers. Egal was sie auch taten, sie konnten ihn nicht brechen. Im Gegenteil, er verhöhnte sogar seine Peiniger aufgrund ihrer "läppischen" Verhörmethoden. Es kam der Tag, an dem sie ihn in "Raum 42" wegbrachten. Irgendwie mussten sie von seinen geheimsten Ängsten erfahren haben, denn als sie ihn zurückbrachten lag er nur noch wie ein Stück Fleisch herum. Sein Körper war übersäht mit Insektenbissen und er als kurz danach starb, krochen noch einige dieser Viecher aus seinem Mund, die während der Behandlung einen Weg in seinen Körper gefunden hatten.

Ich muss nun an Chakotay denken und ob sie ihn schon dorthin gebracht haben. Ich habe Angst. Aber nicht um ihn ... sondern um mich, wenn er ihnen nichts verrät.

12. Tag
Heute haben sie Chakotay zurückgebracht. Ich fragte ihn, was sie mit ihm gemacht hatten, aber er konnte mir nicht viel sagen. Sie hatten ihn tagelang in einen kleinen hellbeleuchteten Raum eingeschlossen und ihn verhört. Das seltsame daran war nur, dass die Fragen, die sie ihm stellten nur persönliche Dinge betrafen. Seine Heimat, seine Familie, seine liebsten Urlaubsorte. Keine dieser Fragen betraf strategische Dinge wie die Enuhri oder die Voyager. Als die Wachen ihn dann nach dem Ende des Verhörs wieder zurückbringen sollten, hörte er noch, wie man ihnen die Anweisung erteilte, dass man nun dem "Raum 42" vorbereiten sollte.
Ich wollte Chakotay davor warnen, aber Samir gab mir Zeichen, ihm nichts davon zu erzählen. Vielleicht hatte Samir recht und es war besser so, wenn Chakotay nicht wusste, was auf ihn zukam, so dass er wenigsten noch diese Nacht in Ruhe verbringen konnte. Denn mich plagen seit diesem Gespräch mit Samir Alpträume, in denen mir meine schlimmste Ängste begegnen. Vielleicht rettet uns ja die Voyager noch diese Nacht.

13. Tag
Sie haben ihn geholt. Weggeschleppt in "Raum 42". Er hat wild um sich geschlagen und getreten, ehe ihn einer dieser Betäubungsstrahlen traf. Ich kann die Musik wieder aus dem Boden hören. Aber diesmal glaube ich, zwischen all diesen harmonischen Tönen, auch Samirs Schreie hören zu können, der entsetzliche Qualen auszustehen hat. Ich bete für ihn. Ich will nicht mehr schreiben. Ich will hier nur noch weg.

15. Tag
Sie haben Samir zurückgebracht ... zumindest das was von ihm übrig war. Er redet kein Wort mehr mit uns, sondern liegt nur noch zitternd und zusammengekauert auf seinem Platz. Sein Blick ist ins Leere gerichtet und er stammelt nur noch wirres Zeugs vor sich hin.

16. Tag
Samir ist tot. Die Angst muss ihn überwältigt haben und ich bin mir ziemlich sicher, dass Chakotay und ich die nächsten sind. Ich will so nicht sterben.

23. Tag
Ich bin zurück auf der Voyager. Die letzten Tage waren schrecklich. Sie vergessen, werde ich nicht können und mit jemanden darüber zu reden, fehlt mir noch der Mut. Auch das Ganze in Worte zu fassen ist alles andere als einfach, denn ich muss alles noch einmal durchleben. Aber vielleicht hilft dies mir, die Dinge ein wenig besser zu verarbeiten.

Einen Tag nach Samirs Tod, haben sie mich geholt. Ich wurde zu Beginn in den gleichen Raum gebracht, wo man auch Chakotay verhört hatte. Der gleiche Raum, die gleiche Beleuchtung und die gleichen dämlichen Fragen. Obwohl ich die Geschehnisse um Raum 42 im Hinterkopf hatte, verweigerte ich zu Beginn jede Antwort. Wie es mir meine Sternenflottenausbildung gebot gab ich bei jeder Frage nur meinen Namen und meine Dienstnummer preis. Ich wollte dadurch Zeit gewinnen, denn ich hatte es immer im Gefühl, dass die Voyager nicht mehr weit weg war. Von Zeit zu Zeit beantwortete ich auch einer dieser Fragen meiner Heimat betreffend, um mich ihnen ein wenig kooperativ zu zeigen.

Das Verhör ging auf diese Weise tagelang weiter, ehe unsere Entführer glaubten, dass sie meinen Willen gebrochen hatten. Dann stellten sie die interessanten Fragen und nun war mir auch klar, dass unsere Gefangennahme kein Zufall war. Sie wussten, dass uns die Enuhri Sternenkarten von ihrem Territorium gaben und genau daran waren unsere Entführer interessiert. Nur hatten sie keine Ahnung, wie sie an die Daten in unserem Shuttle rankommen sollten. Sie versprachen mir, uns umgehend gehen zu lassen, wenn ich es ihnen verriet. Natürlich glaubte ich ihnen nicht.

Gestern war es dann soweit. Der Moment, vor dem ich mich am meisten von allen gefürchtet hatte. Mein Entführer betrat - verhüllt wie immer - in meine Zelle und setzte sich mir gegenüber. Ich bereite mich abermals auf ein ermüdendes Verhör vor, ehe er plötzlich diese Worte zu mir sprach, die ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde. "Guten Morgen Mr. Kim. Ich schlage Ihnen einen Deal vor. Ich habe beschlossen einen von ihnen beiden in Raum 42 zu verlegen. Sie kennen doch Raum 42, oder? Möchten Sie dahin oder lieber die Luft der Freiheit genießen. Die Wahl liegt alleine bei Ihnen. Sie entscheiden, wen wir dorthin bringen sollten.". Was sich vor meinem geistigen Auge abspielte lässt sich nur schwer in Worte fassen. Ich sah nun plötzlich meine größten Ängste Realität werden. Ich sah Samir, wie er an den Qualen nach Raum 42 starb und ohne es zu beabsichtigen, übernahm mein Unterbewusstsein die Kontrolle über meinen Mund und stieß ein Wort hervor: "Chakotay".

In diesem Moment war mir noch nicht klar, was ich da eben getan hatte. Ich verspürte in diesem Moment nur Erleichterung. Erleichterung darüber, diese höllische Folter überstanden zu haben. Auf den Gängen glaubte ich plötzlich Kämpfe zu hören und nur kurze Zeit später stürmte auch ein Trupp Sicherheitsoffiziere angeführt von Commander Tuvok meine Zelle.
Sie wollten mich schon an Bord des Schiffes zurückbeamen, aber ich hatte noch etwas zu erledigen. Also ging ich gestützt von Tuvok auf den langen Gang hinaus und suchte es. Und ganz am Ende fand ich es ... eine große schwarze Doppeltür mit der Aufschrift "42". Ich öffnete die Tür und sah mit mich etwas konfrontiert, das ich am wenigsten erwartet hatte, der Freiheit. Ich sah grüne Wiesen, den Himmel. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte und drehte mich zu Tuvok um. Im Hintergrund sah ich wie sie unseren Entführer aus der Zelle führten, dieses mal unverhüllt, ohne Helm. Seine Rasse sah aus wie Samir. Nein, die Person, die mich in den letzten Tagen verhört hatte war Samir. Aber das war nicht mehr diese gebrochene Samir, mit dem ich mich während meiner Gefangenschaft anfreundete und der am Ende für seine Überzeugung an den Folgen von Raum 42 starb. Im Gesicht dieses Samir zeigte sich nur Hass. Ich verstand das Ganze noch nicht.

Während man auf der Krankenstation meine äußeren Verletzungen behandelte, durchsuchte ein Teil der Crew das Gefangenenlager. Ausser Chakotay und mir hat es nie irgendwelche andere Gefangene gegeben. Auch auf die Existenz eines "Raum 42" schien nichts hinzudeuten. Was sie aber fanden, waren Aufzeichnungen in den Computern, die den gesamten teuflischen Plan der Maklei enthielten. Sie hatten es von Anfang an nur auf mich abgesehen, da sie glaubten bei Chakotay keinen Erfolg zu haben. Samir selbst war der Kommandant dieses Lagers, der sich unter uns mischte, um uns zu manipulieren. Dann hatten sie Chakotay und mich getrennt, so dass Samir mein Vertrauen gewinnen und mir seine Lügen um Raum 42 auftischen konnte. Das Tagebuch, das ich in dieser Nische in der Wand fand, wurde dort mit Absicht hingelegt. Ich sollte es finden, so dass Samirs Lügen eine bessere Wirkung auf mich erzielten. Er wollte meine Ängste schüren und als sie Samir dann zu Behandlung "holten" schienen sie ihr Ziel erreicht zu haben. Sie hatten mich mit Hilfe der Angst gebrochen und ich war bereit, ihn alles und jeden zu verraten. Ich habe Chakotay verraten. Ich war bereit, ihn in den sicheren Tod zu schicken, um mein Leben zu schützen. Ich fühle mich schuldig und es fällt mir momentan noch schwer, ihm in die Augen zu sehen. Ich kann es ihm noch erzählen, was ich getan habe, noch nicht.


Alle Kurzgeschichten finden Sie unter: http://www.voyager-center.de/community/forum/themaid-2762.stvc

Das STVC-Team bedankt sich noch einmal bei allen Teilnehmern!

(sl); STVC-Meldung vom 02.02.2009; Quelle: STVC [1460 Aufrufe; 0 Kommentare]


Newsarchiv

Grafik: Abschnitt: Newsarchiv





Copyright