Das Berliner "tip"-Magazin enthält in der aktuellen Ausgabe ein brisantes Interview mit Picard-Darsteller Patrick Stewart, der den Film-Bösewicht Shinzon mit Saddam Hussein vergleicht und verrät, dass ursprünglich kein Klon, sondern ein Sohn Picards geplant war. Lesen Sie das komplette deutsche Interview und die "tip"-Filmkritik.
Das populäre und äußerst seriöse Berliner Stadt- und Kulturmagazin "tip" ist für seine scharfsinnigen Artikel berühmt. In der aktuellen Februar-Ausgabe darf eine Kinokritik zu "Star Trek Nemesis" natürlich nicht fehlen.
Im Folgenden finden Sie den kompletten "tip"-Artikel zu "Star Trek X: Nemesis" (umfangreiches Interview, gefolgt von der sehr negativen "tip"-Filmkritik):
Der Typ von Star Trek
Seit 1987 führt Patrick Stewart als Captain die "Enterprise" in unbekannte Weltraumregionen. Doch nach 178 TV-Episoden und vier Kinoauftritten zeigen Stewart & Co. Ermüdungserscheinungen. Sven S. Poser sprach mit dem 62-jährigen Briten über den jüngsten Kinofilm "Star Trek Nemesis", die Zukunft der "Nächsten Generation" und die Bürde, eine Ikone zu sein.
tip: Die Fans mussten vier Jahre auf den zehnten "Enterprise"-Film warten. Herausgekommen ist der vielleicht düsterste Film der "Star Trek"-Geschichte.
Patrick Stewart (PS): Ich habe kein schlechtes Gefühl deswegen. Auch "Star Trek VIII: Der erste Kontakt" hatte eine ziemlich verstörende Story...
tip: ... mit einem Captain Picard, der aus blankem Hass tötet.
PS: Genau. Auf jeden Fall hat John Logan gute Arbeit geleistet. Er ist nicht nur ein großartiger Autor, sondern auch ein Fan von "Star Trek". Es überrascht mich immer wieder, enorm erfolgreiche Leute zu treffen, die die Serie lieben. Erst gestern morgen trafen Brent Spiner (spielt Data), Marina Sirtis (spielt Deanna Troi) und ich zufällig Yoko Ono und Sean Lennon. Natürlich waren wir drei sehr aufgeregt. Aber die beiden waren geradezu aus dem Häuschen vor Begeisterung und erzählten, dass sie die Serie immer und immer wieder sähen.
tip: Hatten Sie Einfluss auf die Gestaltung Ihrer Rolle?
PS: Nicht allzu viel. Aber natürlich besprach John Logan Detailfragen mit mir. In einer frühen Fassung zum Beispiel war Picards Gegenspieler Shinzon kein Klon, sondern ein illegitimer Sohn von Picard. Ich wusste sofort, dass ich mit dieser Idee nicht arbeiten wollte. Dazu hätten wir eine Vorgeschichte gebraucht, die obendrein langweilig gewesen wäre oder zu sentimental. Der Einfall mit dem Klon ist dagegen wunderbar. Vor allem, weil sich herausstellt, dass er ein ausgesprochener Mistkerl ist.
tip: Das Publikum weiß nicht, wie Picard in seiner Jugend aussah. Also muss es die Wahrheit aus der Reaktion des Captains herauslesen, als er seinem Clon zum ersten Mal begegnet. War diese Szene besonders schwierig?
PS: Vor ein paar Jahren nahm "Madame Tussaud's" eine Wachsfigur von mir in die Sammlung auf und lud mich zu einem Medienevent ein. Als ich in den Raum kam, in dem die Figur stand, reagierte ich völlig entnervt. Ich lief rot an, begann zu schwitzen, ich wollte ihn nicht anschauen, ich reagierte fast böse, als die Presse mich dazu aufforderte, mich Nase an Nase vor ihn hinzustellen. Das war eine wirklich interessante Erfahrung, die ich für die Szene mit Shinzon abrufen konnte.
tip: Shinzon ist ein Terrorist, der das Unrecht, das an ihm begagangen wurde, mit Massenmord vergelten möchte. Das klingt beinahe so, als ob "Nemesis" die Ereignisse vom 11. September reflektiert.
PS: Es hat tatsächlich den Anschein. Die Story war zwar schon vorher fertig, aber ich erinnere mich, dass ich Rick Berman anrief und ihn fragte, ob das Ereignis irgendeinen Einfluss auf unser Drehbuch hätte. Im Rückblick wirkt es etwas seltsam, wie nervös wir alle damals waren. Und wie man sich krampfhaft bemühte, nicht die beiden Türme des "World Trade Center"s auf der Leinwand zu zeigen.
tip: Inzwischen dürfen Filme sogar wieder Titel wie "Die zwei Türme" tragen.
PS: So ist es. Natürlich kommt man nicht umhin, Parallelen zwischen den jüngsten Ereignissen in der Welt und gewissen Aspekten in unserer Story zu ziehen. Shinzon besitzt durchaus Ähnlichkeit mit Saddam Hussein. Vor allem aber wirft "Nemesis" die Frage auf: Sind wir lediglich hilflose Opfer unserer Umwelt? Oder haben wir, woran ich auch selber glaube, eine Wahl? Wenn Sie in Amerika leben, haben Sie das Gefühl, dass George Bush wild entschlossen ist, Krieg gegen den Irak zu führen. Ich würde Bush, Tony Blair und Gerhard Schröder gerne daran erinnern, dass sie die Wahl haben.
tip: Ein altes Thema bei "Star Trek".
PS: Ja. Ich denke, dass ich auch persönlich von meiner Rolle als Captain Picard profitiert habe. Früher war ich impulsiv und unduldsam. Jetzt lautet der Satz, der mir am häufigsten über die Lippen kommt: "Lass mich darüber nachdenken, bevor wir uns in eine Sache verrennen". Ein anderer Punkt, den ich an ihm schätze, ist seine Angewohnheit, andere aufzufordern: "Sagen Sie mir, was Sie denken, ich möchte jedermanns Meinung hören".
tip: Sie haben dem US-Branchenblatt "Premiere" erzählt, dass Jean-Luc Picard und Patrick Stewart sich mittlerweile derart überlappen, dass es keine Möglichkeit mehr gebe, sie zu trennen.
PS: Picard ist zwar ein viel klügerer Mensch als ich. Aber die Ähnlichkeiten finden sich überall: bei der Persönlichkeit, beim Humor und, wie ich hoffe, auch beim Sinn für Loyalität. Inzwischen bin ich sogar stolz, wenn man mich mit Picard identifiziert. Wäre er ein Kotzbrocken, wäre das vielleicht etwas anderes. Aber ich glaube nun einmal, dass Picard ein bewundernswertes Individuum ist, und ich habe dabei mitgeholfen, es zu schaffen.
tip: Einer Ihrer Vorgänger, Leonard Nimoy, schrieb sogar ein Buch mit dem Titel "Ich bin nicht Spock", um sich von seinem Image zu befreien. Hatten Sie nie solche Probleme?
PS: Ja, als wir an der fünften oder sechsten Staffel der "Nächsten Generation" arbeiteten. Damals hatte ich das Gefühl, dass die Serie zum Mühlstein um meinen Hals wurde. Tatsächlich gab es Leute, die wegen meiner Rolle nicht daran interessiert waren, mich bei ihren Filmen dabei zu haben. Erst kürzlich hat wieder ein angesehener Hollywood-Regisseur gesagt: "Was, den Typ von "Star Trek"?!"
tip: Man fühlt sich an die Nöte der Figuren in der "Star Trek"-Parodie "Galaxy Quest" erinnert.
PS: Ein brillanter Film! Vor drei Wochen habe ich den Regisseur getroffen. Später hat man mir erzählt, wie nervös er vor unserem Treffen war, weil er vorher niemals Kontakt zu irgendjemandem von "Star Trek" hatte. Ich konnte ihm versichern, dass die gesamte Crew der "Nächsten Generation" diesen Film liebte, weil er das Phänomen nicht nur sehr intelligent auf den Arm nimmt, sondern auch viel Verständnis für die absurden Dinge zeigt, die wir tun.
tip: Während wir hier sitzen, strömen die Massen in "Der Herr der Ringe 2". "Nemesis" hat dagegen das schlechteste Startwochenende aller Filme mit der "Nächsten Generation" hingelegt. Kann "Star Trek" seine Fans nicht mehr mobilisieren?
PS: Ich glaube, dass sich die Erwartungshaltung der Kinogänger verändert hat. Der Erfolg von Fantasyfilmen ist ein Indikator dafür, dass die Menschen versuchen, der Wirklichkeit zu entkommen. Und Sciencefiction basiert nun einmal auf der Realität. Die "Next Generation" ist offensichtlich nicht das, was die Leute zur Zeit sehen wollen.
tip: Viele Fans fürchten, dass es keinen "Star Trek"-Film Nummer Elf geben könnte. Schrumpft das "Star Trek"-Universum?
PS: Ich hatte Gelegenheit, mir "Nemesis" viermal in zehn Tagen anzusehen. Dabei überkam mich immer mehr das Gefühl, dass wir alles gesagt haben. Und dass dies ein wirklich angemessener Abschluss für die "Nächste Generation" ist. Kürzlich sagte ich in London: "Ich würde es hassen, der letzte Gast auf der "Star Trek"-Party zu sein..."
tip: ... und das Licht auszumachen.
PS: Eine grausame Vorstellung. Viel besser wäre es doch, den letzten Vorhang fallen zu lassen, nachdem wir wirklich gute Arbeit geleistet haben. Deshalb könnte das der richtige Moment sein, die "Nächste Generation" zu beenden. (lacht) Glücklicherweise werden wir für eine lange, lange Zeit nichts mit "Star Trek" zu tun haben. Und es wird nicht unsere Entscheidung sein, ob es weitergeht, sondern die des Studios.
Der Film
Vier Jahre nach ihrem letzten Kinoabenteuer bekommt es die "Nächste Generation" mit einem Klon des wackeren Captain Picard zu tun. Der stammt aus den Genlabors der Romulaner, wurde einst für seinen eigentlich Zweck - die Infiltration der Sternenflotte - nicht mehr benötigt und musste jahrelang in den Minen des Nachbarplaneten Remus schmoren. Inzwischen aber hat eine Revolution den Homunkulus an die Spitze des romulanischen Imperiums gespült, so dass er nun über die technischen Mittel verfügt, sich an der Menschheit im Allgemeinen und an seinem "Original" Picard im Besonderen zu rächen.
110 Minuten lang kämpft die "Enterprise"-Crew gegen das Verderben und der zehnte "Star Trek"-Film um seinen Rhythmus - beide mit mäßigem Erfolg. Dass "Nemesis" trotz seiner ansprechenden Prämisse schnell an Tempo verliert und dann auch noch in einem schier endlosen Showdown versandet, ist nur ein weiterer Beleg für die Krise, in der "Star Trek" gegenwärtig steckt. Wenn alles beleuchtet und auserzählt ist, helfen auch keine Spezialeffekte mehr - ganz gleich, wie lang die Pause bis zum elften "Enterprise"-Film sein wird.
Hinweis
Bitte bedenken Sie, dass alle Rechte des Interviews beim "tip"-Verlag liegen. Das "tip"-Magazin ist für 2,50€ im Handel erhältlich.
(sl); STVC-Meldung vom 20.01.2003; Quelle:
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