Wie immer finden Sie vor der Ausstrahlung einer neuen "Enterprise"-Episode auf Sat.1 eine kurze Inhaltsbeschreibung und Kritik. Diese Woche: "Im Schatten von P'Jem". Lesen Sie, warum diese Folge eine "Episode zum Vergessen" ist.
Inhalt
Archer und die Crew sind enttäuscht, als sie erfahren, dass T'Pol vom Vulkanischen Oberkommando den Befehl erhalten hat, die
"Enterprise" zu verlassen - und gleichzeitig frustiert von der Gleichgültigkeit, mit der sie ihre Position verlässt.
Wie dem auch sei, ihre letzte Mission als Sternenflottenoffizier scheint ereignisreich zu sein, denn sie und Archer werden von einer militanten Splittergruppe auf einem fremden Planeten gekidnappt und finden sich wieder einmal in der Gnade der cholerischen Andorianer wieder...
Kurzkritik
Wer unsere populäre Kolumne "Enterprise - die Vergewaltigung von Star Trek" gelesen hat und ihr bisher wenig abgewinnen konnte, der wird bei der heutigen Folge eines Besseren belehrt werden. Diese Folge ist ein Summa summarum aller Kritikpunkte an "Enterprise". Ein Tipp: Lesen Sie sich die Kolumne noch vor der Ausstrahlung der Episode durch und machen Sie sich selbst ein Bild davon, wie zutreffend diese ist.
Noch nie wurde "Star Trek" so vergewaltigt, noch nie wurde dem Fan eine so dünne Episode serviert. Wäre eine solche Episode jemals in "Das nächste Jahrhundert" aufgetaucht, würden Fans erste Ermüdungserscheinungen der Autoren vermuten. Wäre eine solche Episode in "Deep Space Nine" aufgetaucht, hätten Fans wahrscheinlich nichts gemacht, schließlich haben die meisten Einzelepisoden in dieser selbsternannten "Star Trek"-Serie keinen so großen Stellenwert.
Aber Gott bewahre, wäre solch eine Episode jemals in "Raumschiff Voyager" aufgetaucht, hätten hartgesottene, chauvinistische Fan-Basher ganze Anti-Clubs gegründet, denen viele Fans - stets manipulierbare Wesen - gar beigetreten wären.
"Im Schatten von P'Jem" hat keine Story in dem Sinne. Eine (weitere) Geiselnahme, deren voraussehbare Befreiung, ein bisschen Action und ein wenig Aufopferung - das wars. Keine überraschenden Wendungen und kein Tiefgang. Um einmal von dem berühmten deutschen "Star Trek"-Kritiker Thomas Höhl zu zitieren: "Ist das das Ende? Bin ich gestorben und in der Hölle aufgewacht, wo nur solches "Star Trek" läuft?"
Anscheinend, denn am Ende fragt man sich, wo der Sinn der Episode war. Der zugegeben gelungene T'Pol-Konflikt kann sich sehen lassen, doch diese paar Minuten können beim besten Willen nicht eine gesamte Episode retten. Trauen die Produzenten dem Fan nicht mehr Intelligenz zu?
Man muss nur einen Vergleich ziehen mit jeder beliebigen Episode aus allen Vorgängerserien und kommt bei "Enterprise" spätestens jetzt zum erschreckenden Schluss: "Star Trek" ist anders geworden - leider im negativen Sinne. "Star Trek" ist leer geworden. "Star Trek" ist niveaulos geworden. Die wenigen guten Charaktermomente sind das letzte Funkeln eines ehemals glorreichen TV-Sterns. Doch langsam ziehen immer mehr Wolken am Himmel auf.
Ach ja, wie schön waren die Zeiten im 24. Jahrhundert, wo die Menschen mit Intelligenz bestückt waren, wo die Serien durch ihr wirklich außerordentlich (freundliches) futuristisches Design noch Wärme ausstrahlten, wo man sich wirklich in eine andere Zeit versetzt fühlte. Und wo nicht zuletzt die Stories auch den Namen Story verdienen. Doch "Enterprise" ...
Ich bin einfach so unverschämt und behaupte, dass die Mehrheit der Leser nicht wirklich mit dem "Enterprise"-Konzept etwas anfangen kann bzw. sich dieses mit aller Mühe schön redet. Welcher erwachsene und anspruchsvolle "Star Trek"-Fan würde schon eine "Enterprise"-Episode gegen "Star Trek"-Episoden wie "Darmok", "Der Besucher" oder "Temporale Paradoxie" eintauschen wollen? Und ich lasse das Argument nicht gelten, dass dies alles Episoden aus den späteren Staffeln sind - ich meine nicht nur die Qualität, sondern vielmehr die Konzeption und den Hintergrund.
Wie im TV-Quick zu "Lieber Doktor" angedeutet wurde, folgen nach jener Episode teils kümmerliche Folgen. Nach der mangelhaften letzten Episode "Schlafende Hunde" folgt mit "Im Schatten von P'Jem" nun ein wahrer Tiefpunkt. Es kommen nun Episoden, die jede auf ihre Weise all die Kritikpunkte in der erwähnten Kolumne bestätigen.
Da kann die ansonsten sehr gute Regisseurin Roxann Dawson (spielte B'Elanna Torres in "Raumschiff Voyager") auch nicht mehr viel retten, zu schwach ist das Drehbuch. Und so sieht sich diese gezwungen, dieses mit einigen wirklich überflüssigen und überlangen Actionszenen aufzufüllen.
Die Andorianer konnten bisher schon nicht überzeugen, umso überraschender, dass die Macher diese zurückholten. Doch statt diese Rückkehr ein wenig origineller zu gestalten, beruht das Ganze auf einer peinlichen Schuldbegleichnis-Frage, ausgearbeitet in einem lächerlichen Dialog. Soetwas nennt man primitives Fernsehen. Vom Anspruch einer Standard-"Star Trek"-Folge ist nicht viel zu sehen.
Mehr oder weniger gelungen, wenn auch zu lang, ist die Szene, wenn Archer und T'Pol gefesselt werden und sich befreien müssen. Doch hat man das Gefühl, dass die Episode nur gedreht wurde, um diese Szene zu ermöglichen und ein wenig knisternde Chemie zwischen den beiden zu versprühen. Denn wenn man an "Im Schatten von P'Jem" zurückdenkt, fällt einem partout nichts anderes ein. Und dass eine Story größtenteils nur aus Fesseleinlagen besteht, das ist ein Tiefpunkt sondergleichen in "Star Trek". Hier stellte man eindeutlich Action und Sex vor die aber ohnehin lächerliche Story.
Bleibt am Ende nur die Frage: Was wollen die Macher mit dieser Art von "Star Trek" bewirken - oder vielmehr, wen wollen sie damit ansprechen? Selbst die so dümmliche "Andromeda"- und die eher mittelmäßige "Stargate"-Serie konnten hierbei bessere Episoden vorweisen. Der Markt ist von solch billiger Sciencefiction-Kost überfüllt.
Wie weit ist es schon gekommen, dass man in den Sinn kommt, mit "Star Trek" einen solchen Markt erobern zu wollen? Wie weit ist es schon gekommen, dass man nicht nur in den Sinn kommt, sondern dies in Form von solchen billigen Episoden wie "Im Schatten von P'Jem" auch tatsächlich bewerkstelligt? "Star Trek" gehört eindeutlich in eine höhere Kategorie und darf nicht mit so niederen Kreaturen wie "Andromeda" oder "Stargate" für Zuschauer ohne Hirn konkurrieren. Episoden wie "Im Schatten von P'Jem" sind eine unverschämte Verschwendung von Budget, Darstellerleistung und Potenzial.
Und übrigens: Dies ist der Auftakt zu einer ganzen Reihe von (Achtung: Ironie:) unfassbar originellen Archer-Geiselnahmen ... ach ja ...
Fazit
Eine Episode zum Vergessen und der größte Tiefpunkt der "Star Trek"-Geschichte. Wer die erste Staffel von "Enterprise" dennoch positiv in Erinnerung behalten möchte, sollte spätestens ab jetzt für den Rest der Staffel abschalten. Ansonsten erwartet den Zuschauer in dieser Episode eine hauchdünne Story mit Action und Sex als Füllmaterial. Das ist "Star Trek" at its worst. Note 6
Linktipps
Die beiden populären Kolumnen "Enterprise - die Vergewaltigung von Star Trek" und "Nemesis - die Vergewaltigung von Star Trek geht weiter".
Sat.1 - 27.06.2003, 20:15 Uhr: "Im Schatten von P'Jem", 15. Episode (1. Staffel) der Serie "Enterprise", Sciencefiction, USA 2001.
(sl); STVC-Meldung vom 27.06.2003; Quelle:
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