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TV Quick: "Allein"

Wie immer finden Sie vor der Ausstrahlung einer neuen "Enterprise"-Episode auf Sat.1 eine kurze Inhaltsbeschreibung und Kritik. Diese Woche: "Allein" - die letzte Episode vor der Sommerpause. Lesen Sie, warum diese Folge zwar "ein Gewinn für Enterprise", aber "ein herber Verlust für Star Trek" ist.

Titelgrafik zur News
"Allein"

Inhalt

Bei einer Routine-Shuttlemission zur Erforschung eines Asteroidenfeldes werden "Trip" und Reed plötzlich von der "Enterprise" abgeschnitten und müssen daraufhin feststellen, dass ihr Mutterschiff zerstört ist. Mit wenig Sauerstoff und so gut wie keiner Chance auf Rettung, müssen die beiden sehr gegensätzlichen Personen ihre Differenzen beiseite schieben, damit sie einen Weg aus dieser ausweglosen Situation finden können...

Kurzkritik

"Allein" ist eine deutliche Steigerung gegenüber der letzten, grausam schlechten Episode "Im Schatten von P'Jem". Doch auch "Allein" bestätigt einige der Kritikpunkte unserer populären Kolumne "Enterprise - die Vergewaltigung von Star Trek" und hinterlässt somit einen unangenehmen Nachgeschmack.

Zur Abwechslung fangen wir mit dem Positiven an: "Allein" ist eine sogenannte Bottle-Show - Episoden, die dazu dienen, Budget einzusparen und daher nicht mit imposanten Kulissen oder ausufernden Specialeffects glänzen, sondern sich vornehmend auf die Charaktere konzentrieren.

Die Schauspielleistung ist das Beste an dieser Episode. Dominic Keating alias Malcolm Reed und Connor Trinneer als "Trip" geben in dieser Episode ihre bisher beste Performance ab und retten den ansonsten für "Star Trek" zwar originellen, aber dennoch sehr dünnen Plot.

Erfreulich ist auch die Tatsache, dass die Episode gekonnt einige Klischees vermeidet. So gibt es keine Letzte-Sekunde-Rettung und die Story ist hier anders angelegt als bei vergleichbaren Episoden. Dem Zuschauer wird der Ausgang der Episode von Anfang an offen serviert und er braucht nicht das vorauszusehen, was er ohnehin schon weiß - nämlich, dass diesen beiden Charakteren in einer Extremsituation und
dem Schiff eh nichts zustoßen werden. Diese Erzählweise ist für solche Episoden neu in "Star Trek" und genau dadurch wirkt "Allein" anders.

Dennoch funktioniert die Episode nicht, weil der größte Teil der Spannung dadurch wegfällt. Auch ist eine Identifikation mit den Charakteren schlecht möglich, weil der Zuschauer den Ausgang der Episode bereits kennt, dadurch also mehr weiß als die Charaktere, und diese daher aus einer entfernten Perspektive betrachtet - nicht mehr mittendrin ist.

Die vorhandene Spannung wird von den Darstellern und ihren Dialogen getragen, von denen erstere, wie bereits erwähnt, exzellent sind. Doch was stutzig und wütend macht und "Allein" als weiterer (negativer) qualitativer Wendepunkt neben "Im Schatten von P'Jem" stellt, sind die albernen Dialoge. Doch das wäre nicht so schlimm, wären diese nicht sanft chauvinistischer und US-patriotischer Natur.

Da wird über T'Pols Hintern diskutiert und gestritten darüber, ob Amerika besser sei als Großbritannien. Zugegeben, das mag vielleicht realistisch sein für die "Enterprise"-Zeit, doch wenn dieser Realismus eine Herabsenkung des Niveaus bedeutet - und das ist in der Tat der Fall - dann ist es unverzeihlich. Nie wurden "Star Trek"-Werte so vor den Kopf gestoßen.

Es mag realistisch sein für die "Enterprise"-Zeit, doch durch diesen angeblich so tollen Realismus wird aus "Enterprise" eine sehr durchschnittliche Serie. Gespräche über Brüste und Hintern bekomme ich nämlich überall in der TV-Landschaft - und meistens viel besser. Diskussionen über den angeblichen Ausnahmestatus von Amerika bekomme ich schon seit langer Zeit geboten - und meistens ebenfalls um einiges besser.

Wenn dieser Realismus in "Enterprise" also bedeutet, dass die Serie zwar etwas neues im "Star Trek"-Franchise darstellt, was aber im restlichen TV längst alter Hut ist, dann bedeutet dieser Realismus ebenfalls auch einen Schritt ins Durchschnittliche. Hier zeigt sich klar die Manipulation: "Enterprise" ist nicht - wie von vielen behauptet - etwas neues, es ist etwas durchschnittliches. Und weil "Star Trek" nichts durchschnittliches ist, kann die durchschnittliche "Enterprise"-Serie eben neu wirken.

Ich gehe deshalb so auf den Realismus-Aspekt ein, weil die meisten "Enterprise"-Fans mit dem angeblichen Realismus ihrer Serie prallen. Wie man oben aber unschwer nachlesen kann, ist dieser Realismus keinesfalls ein Pro-, sondern eher ein Contra-Argument.

"Star Trek" hat sich seit ihren Anfängen dadurch ausgezeichnet, dass es uns eine andere Realität - eine bessere - gezeigt hat. Mit dieser sind viele Visionen, Ideen und auch Kritik an unsere Gegenwart verbunden, die aus "Star Trek" etwas besonderes im Sciencefiction-Genre machen. Dadurch aber, dass "Enterprise" im Grunde unsere Realität präsentiert, ihre Schattenseiten aber keinesfalls hinterfragt, sondern eher bestätigt, ist sie keine "Star Trek"-Serie mehr in dem Sinne. Sie ist eine Sciencefiction-Serie ohne Vision und Idee. Und dies zeigt sich in vielen Episoden - nein, erst dadurch sind platte Episoden wie "Im Schatten von P'Jem" oder "Allein" erst möglich. Es ist der krankhafte Versuch, es allen Recht machen zu wollen. Ein bisschen (Möchtegern-)"Star Trek" hier, ein bisschen Patriotismus da - herauskommt ein Eintopf, der mit nicht zusammenpassenden Zutaten vollgestopft wird und daher nicht schmeckt.

Der anspruchsvolle "Star Trek"-Fan, der mit Picard und Janeway seinen Spaß hatte, wird angesichts dieser dümmlichen Dialoge den Kopf schütteln und sich fragen, was das denn soll. Andere, weniger anspruchsvolle Fans, bornierte Kirk-Verehrer, pubertierende Action-Knaben und chauvinistische Janeway-Hasser, werden vor lauter Begeisterung ihre Serie "Enterprise" in den höchsten Tönen loben: "[Ironiemodus an] Endlich wird "Star Trek" unkomplizierter und setzt mehr auf pure Unterhaltung. Ja, endlich traut sich ein Charakter, sexistische Bemerkungen über ein "Star Trek"-Babe zu machen; endlich dürfen die Frauen die Klappe halten, diese nervige Janeway von damals...; endlich darf ein Charakter stolz auf sein Heimatland sein, das ist doch "voll" realistisch alles. Wow, "Star Trek" wird ja richtig "cool" ...

... Ich schalte aber lieber mal doch zu "LEXX" rüber, die Braut sieht ja "noch schärfer" aus oder lieber zu "Stargate", da ist gerade eine "geilere" Schlacht am Laufen ...

Ja, endlich kommt in "Star Trek" das zu tragen, was schon seit einer halben Ewigkeit im restlichen TV meistens viel besser gemacht wird. "Enterprise" - das ist etwas neues, das ist definitiv und ohne Zweifel die absolute Zukunft von "Star Trek". [Ironiemodus aus] "Hätten Chakotay oder Tom jemals Bemerkungen zu Sevens Hintern geäußert - es hätte Proteststürme gegeben und man hätte noch mehr Anti-Clubs gegründet. Aber in "Enterprise" sagt keiner mehr etwas - es fällt bei sovieler Negativität und Kritik auch längst nicht mehr weiter auf, sondern bestätigt nur das Scheitern des "Enterprise"-Konzeptes.

Mit "Star Trek" verbindet man andere Menschen - Menschen, die eine bewundernswerte Moral vertreten, mit außergewöhnlicher Intelligenz bestückt sind und nicht einander laut werden. Es sind Menschen, die aus einer anderen Zeit stammen und nicht unbedingt Identifikationsfiguren für jederman sind, aber durch ihr hohes Niveau eine Sicherheit und Wärme versprühen. Genau diese - oft zu Unrecht als starr bezeichnete - Charaktere sind es, die bei "Star Trek" so faszinieren, weil es auch Menschen sind, die wir alle sein wollen und uns wünschen, dass alle Menschen einmal so werden.

Doch bei "Enterprise" werden durchschnittliche Charaktere erschaffen, die über durchschnittliche Dinge wie T'Pols Hintern reden und patriotische Äußerungen von sich geben. Es werden durchschnittliche Charaktere erschaffen, mit denen sich jeder Durchschnittsamerikaner identifizieren soll. Malcolm und "Trip" verhalten sich in "Allein" exakt so. Peinlich daher auch das Ende, wo Malcom "Trip" fragt, ob er ihn nun "Trip" nennen darf, da dies sonst nur seinen allerengsten Freunden vorbehalten ist. Diese peinlich kindische Frage ist in einer "Star Trek"-Serie nicht zu ertragen, da sie ein wenig an die Sandkasten-Zeit erinnert, ganz gemäß: "Du hast einen Bagger, darf ich Dein Freund sein und mitspielen?" - hier kann man wirklich nur die Stirn runzeln. Das Problematische ist: Die Vorstellung der Autoren von einem Durchschnittsamerikaner sind falsch, denn mit den Charakteren von "Enterprise" kann sich kein Zuschauer identifizieren, sonst würden die Quoten nicht so stark nachlassen.

Das Problem hierbei auch: "Star Trek" verliert an Reiz und wird eine Spur - beabsichtigt - durchschnittlicher. Die Charaktere versprühen nichts vorbildliches und durch ihre dümmlichen Kommentare vor allem keine Wärme mehr. Was unterscheidet "Enterprise" noch von anderen Serien? Gar nichts, und genau dies ist der Grund, weshalb die US-Quoten dieser Serie so schnell sinken wie bei keiner anderen "Star Trek"-Serie zuvor.

Da wir bei den Charakteren sind - in "Enterprise" gibt es durchaus Streitereien und Konflikte in der Crew. Doch bedeutet dies bessere Episoden? Wie wir bisher sehen können, nein. Man sieht also, dass auch Charakterkonflikte - Top 1 der Kritikpunkte an "Star Trek" - keine fantasievollen Stories herzaubern können. Und das ständige Gezankel lädt auch nicht unbedingt zum wöchentlichen Einschalten ein. Auch wird dadurch "Star Trek" wieder durchschnittlich gemacht, weil es inzwischen ein Klischee geworden ist, dass Charaktere sich zanken müssen - und dem Zuschauer auf die Nerven gehen.

Insofern erscheint spätestens jetzt die Kritik an "Raumschiff Voyager", die Serie würde keine Charakterkonflikte bieten, völlig ungerechtfertigt - es hätte aus "Raumschiff Voyager" keine bessere Serie gemacht. Ganz im Gegenteil, es hätte aus ihr eine durchschnittliche Serie gemacht, die sie beim besten Willen nicht ist.

Überhaupt sollte man Charakterkonflikte genauer definieren. Meint man Spannungen zwischen den Charakteren oder Konflikte in den Charakteren selbst? Letzteres ist eher der Schlüssel zum Erfolg, da es noch soviele Streiteren unter der Crew geben kann - diese werden ohne interessante Charaktere schnell langweilig und unglaubwürdig.

Und wenn man mit diesem Wissen nochmal zu "Raumschiff Voyager" schaut, stellt man fest, es gab eine Menge von Konflikten geprägte Charaktere - ja, beinahe jeder "Raumschiff Voyager"-Charakter war es. Sei es Janeway, Seven oder B'Elanna, Tom oder der Doktor - diese waren alles konfliktreiche Charaktere. Doch bei "Enterprise"? T'Pol und Doktor Phlox sind die einzigen Charaktere, die einigermaßen interessant und von Konflikten gezeichnet sind.

Warum ich immer in den "Enterprise"-Kritiken auf "Raumschiff Voyager" eingehen muss? Weil "Enterprise" in vielerlei Hinsichten ein "Raumschiff Voyager light" ist. Sei es Aufbau der Stories, viele Story-Konzepte oder einfach nur die Crew (T'Pol = Seven, Doktor = Phlox, Hoshi = Kim, Tom = "Trip") - wer "Raumschiff Voyager" wirklich kannte, der wird bei "Enterprise" das eine oder andere Déjà-Vu-Erlebnis bekommen. Insofern - und das ist das Witzige an der Sache - widersprechen sich die "Enterprise"-Fans praktisch selbst, wenn sie "Raumschiff Voyager" aufs Schärfste kritisieren.

Gene Roddenberry hatte sich etwas dabei gedacht, als er keine Streitereien und durchgängige Konflikte unter der Crew zuließ. So konnten die Autoren die Charaktere nicht auf konventionelle Art und Weise entwickeln und auch bei den Geschichten mussten sie neue Wege beschreiten. Bei "Enterprise" gibt es dieses Hindernis nun nicht mehr und man sieht das fatale Ergebnis in "Allein" sehr schön: Es entstehen Durchschnitts-Charaktere, die nur Durchschnitts-Dialoge von sich geben können. Hier zeigt sich recht deutlich, was ich in der angesprochenen Kolumne erwähnte: Rick Berman ist kein Visionär wie Gene Roddenberry. Er betrachtet die Dinge lieber im finanziellen Kontext. Eigentlich kann man hierbei glücklich sein. Der Misserfolg von "Enterprise" zwingt Rick Berman zu einer Richtungsänderung. Er lässt hoffen, dass die nun wirklich offensichtliche Vergewaltigung von "Star Trek", spätestens mit dieser Episode eingeleitet, irgendwann gestoppt wird.

Ich verspüre keinerlei Genugtuung, "Enterprise" Woche für Woche so verreißen zu müssen. Doch als Fan und Kritiker ist es eine meiner Aufgaben, andere Fans auf die Mängel in "Enterprise" hinzuweisen und sie von diesen zu überzeugen. Doch mit jeder neuen Episode erledigen das nun die Macher für mich. Als "Star Trek"-Fan empfinde ich daher eher Traurigkeit darüber, dass mit "Enterprise" eine weitere Sciencefiction-Standardkost die TV-Bühne betritt und uns verwöhnte "Star Trek"-Zuschauer die Hoffnung auf eine neue, niveauvolle Sciencefiction-Serie mit eigenen Ideen, die keineswegs Durchschnittsware sind, zunichte gemacht wird. Ich empfinde auch Traurigkeit darüber, dass "Star Trek", wenn es so weiter geht, durch "Enterprise" einen finanziellen Tod erleiden könnte. Vom inhaltlichen Durchschnittstod ist man schließlich nicht mehr weit entfernt ... ach ja.

Fazit

"Allein" ist ein Gewinn für "Enterprise", die nach den miserablen letzten beiden Episoden endlich wieder etwas an Qualität zunimmt. Doch ist "Allein" ein herber Verlust für "Star Trek", betritt mit ihr doch zum ersten Mal eine "Star Trek"-Episode die TV-Bühne, die nicht nur einige der Werte, für die wir "Star Trek" positiv in Erinnerung behalten, ignoriert, sondern diese auch ins Gegenteilige konvertiert. "Star Trek" wird mit dieser Episode durchschnittlicher denn je. Wirklich schade, denn "Allein" ist die "Enterprise"-Episode mit dem größten Potenzial bisher. Note 3

Hinweis

Dies ist die letzte Episode vor der Sommerpause, in der "Enterprise" durch die Sat.1-Casting-Show "Star Search" ersetzt wird. Die Serie wird ab dem 02. August mit der Episode "Verschmelzung" zurückkehren (wir berichteten mehrmals exklusiv darüber).

Linktipps

Die beiden populären Kolumnen "Enterprise - die Vergewaltigung von Star Trek" und "Nemesis - die Vergewaltigung von Star Trek geht weiter".

Sat.1 - 04.07.2003, 20:15 Uhr: "Allein", 16. Episode (1. Staffel) der Serie "Enterprise", Sciencefiction, USA 2002.

(sl); STVC-Meldung vom 04.07.2003; Quelle: [1134 Aufrufe; 0 Kommentare]

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