In dieser neuen Artikel-Serie werden wir Ihnen vor der Ausstrahlung einer "Star Trek"-Klassikerepisode eine kurze Inhaltsbeschreibung und Kritik zu dieser präsentieren. Heute und Morgen auf Sat.1: "Raumschiff Voyager" mit der absoluten Klassiker-Episode "Skorpion".
Inhalt
Die "Voyager" fliegt in den Raum der Borg. Captain Janeway und Crew halten eine Besprechung ab und beschließen, den Borg-Raum zu umfliegen, als sie einen Teil des Gebiets entdecken, der frei von Borg-Aktivitäten zu sein scheint und dem sie den Namen "Nordwestpassage" geben.
Als das Schiff weiterfliegt, trifft es auf eine Flotte von 15 Borgschiffen - doch diese scheinen auf der Flucht zu sein. Kurze Zeit später wird eine weitere Flotte von Borgschiffen entdeckt - doch mit dem Unterschied, dass diese vollständig zerstört ist. Die Borg scheinen die Nordwestpassage zu meiden.
Die Crew findet heraus, dass eine Rasse, die von den Borg Spezies 8472 genannt wird und um einiges mächtiger ist, mit einer Invasion des gesamten Quadranten begonnen hat ...
Kritik
Keine "Star Trek"-Episode zuvor hat die Richtung ihrer Serie so beeinflusst wie der hochspannende und brillante Doppelteiler "Skorpion". In dieser Episode trifft die "Raumschiff Voyager"-Crew endlich auf die Borg und wiederholt dabei keineswegs alte Elemente.
Wie "Die Kooperative" zuvor ist auch "Skorpion" bestrebt, der interessantesten Rasse des "Star Trek"-Universums neue Aspekte abzugewinnen - und das mit erheblichem Erfolg. Herausgekommen ist eine "Star Trek"-Episode, die spannender nicht sein kann, die trotz der zu erwartenden Action ein fesselndes Charakterstück bleibt und das Niveau der Serie um ein erhebliches Stück hebt.
"Skorpion" ist die mit Abstand beste Borg-Episode in "Star Trek". Da kommen auch "In den Händen der Borg" und "Angriffsziel Erde" von "Das nächste Jahrhundert" nicht heran. Hier präsentiert "Raumschiff Voyager" eine an Dichte kaum zu übertreffende Atmosphäre und geradezu betörende Schauwerte. Seien es die 15 Borg-Schiffe, die zu Anfang auf die "Voyager" zurasen oder die Spezies 8472 - dieser Doppelteiler bringt neuen Wind ins "Star Trek"-Universum und zeigt, wieviel Potenzial die Borg noch bereithalten.
Wie nie zuvor macht sich die Einsamkeit der "Voyager" im Delta-Quadranten bemerkbar. Wie nie zuvor befindet sich das Föderationsschiff in solch einer Gefahr. Mit diesem Doppelteiler wird aus "Raumschiff Voyager" endgültig eine lebhafte und extrem abwechslungsreiche Abenteuerserie mit großem Tiefgang - etwas, das gänzlich zu der Serienprämisse passt.
Der Vorwurf, "Raumschiff Voyager" würde nur eindimensionale Charaktere haben, was selbstverständlich absoluter Unsinn ist, wird in "Skorpion" doppelt entkräftet. Als erstes sei der Streit zwischen Janeway und Chakotay erwähnt, um den sich "Skorpion" trotz der Borg dreht und der letzten Endes zu einem guten Ausgang für die "Voyager"-Crew führt.
Der Streit stellt die einzigartigen Positionen der Charaktere heraus - Janeway, die als verlorener Sternenflotten-Captain im Delta-Quadranten neue Verhandlungsstrategien entwickelt - hier die Allianz mit den Borg - und Chakotay, der als ihr Gewissen fungiert und sie daran hindert, dabei zu waghalsig vorzugehen.
Vor allem Janeway ist interessant, die als energischer Captain die Crew um jeden Preis nach Hause bringen will, während Chakotay eher um die maximale Sicherheit dieser besorgt ist. Dieser gekonnt gespielte Streit stellt die einzigartige Serienprämisse heraus und gibt Einblick in die Denkweise und Besonderheiten der beiden Führungsoffiziere. Wären diese eindimensional, wäre ein solcher Streit undenkbar.
Als zweites darf die Einführung des neuen Charakters Seven Of Nine im zweiten Teil natürlich nicht unerwähnt bleiben. Dieser Charakter sollte ein Aushängeschild der Serie werden und frischen Wind in die Crew bringen. Diesem Charakter ist zu verdanken, dass die Serie ein neues Tempo gewinnt, eine neue Charakterdynamik entwickelt - wie keine "Star Trek"-Serie zuvor.
Der Seven-Of-Nine-Charakter beeinflusst somit die anderen Charaktere der "Voyager", allen voran Captain Janeway, die nun einem Individuum gegenübersteht, das ihre Befehle auch öfters in Frage stellt und sich ihr nicht völlig unterordnet. Das ergibt interessante Konflikte an Bord des Schiffes.
Die kindlich-naive, leicht unsichere und doch selbstbewusste Art von Seven Of Nine, für die das Menschensein keine Selbstverständlichkeit ist, gibt Freiraum für eine kontinuierliche Charakterentwicklung und erlaubt so manch komische bishin zu hochdramatische Geschichten mit ihr. Auch hier ist der Vorwurf von eindimensionalen Charakteren beim besten Willen nicht zu halten.
Ab "Skorpion" an beginnen die Geschichten temporeicher, optisch reizvoller und inhaltlich tiefgründiger zu werden. Das ist "Raumschiff Voyager" at its best!
Vor allem schwach ist der eigenartige Vorwurf von einer sogenannten Entmystifizierung der Borg. Aufgestellt wie immer von den dümmlichen "Voyager"-Bashern. Nun, genauso kann man auch von einer Entmystifizierung des Dominions bei "Deep Space Nine" sprechen.
Wenn eine Serie sich näher mit einer Rasse beschäftigt, diese also nicht nur oberflächlich behandeln will, sondern ins Detail geht, dann ist solch eine Entmystifizierung natürlich unvermeidbar. Warum sollte das auch schlecht sein? So wiederholen sich Episoden nicht, weil sie stets neue Aspekte bringen und so werden die Episoden auch nicht oberflächlich, weil sie kein schlichtes Alien der Woche zeigen, das ersetzbar ist.
So wie das Dominion Hauptgegner von "Deep Space Nine" wird, so sind es die Borg bei "Raumschiff Voyager" und da schlicht jede kommende Borg-Episode der Rasse neue Aspekte abgewinnt und das Niveau von "Skorpion" hält, gibt es hierbei wirklich überhaupt keinen Anlass zur Kritik.
Warum sollten die Borg auch immer Ausnahmestatus bekommen? Und warum werden diese in "Raumschiff Voyager" anders bewertet? Hätten diese in "Deep Space Nine" den Alpha-Quadranten ein erneutes Mal in Angst und Schrecken versetzt, niemand hätte von einer Entmystifizierung gesprochen.
Aber vielleicht ist die Erwartung der Fans anders. Denn diese erwarten stets rasante Action-Episoden, wenn sie den Namen Borg hören. Sie erwarten stets eine Bedrohung ungeheuren Ausmaßes. Doch bei "Raumschiff Voyager" ist jede Borg-Episode, inklusive "Skorpion", im Kern ein großartiges Charakterstück. Bei "Raumschiff Voyager" muss es halt nicht immer nur Action sein, die Serie setzt damit die "Das nächste Jahrhundert"-Tradition fort und behauptet sich als "Star Trek"-Serie reinsten Wassers - nur temporeicher, dramatischer und um sehr viel tiefgründiger.
Intelligente Geschichten zeichnen die gesamte Serie aus. Diese unbestreitbare Tatsache wollen einige "Voyager"-Basher nicht einsehen, weil sie schlicht diese Serie nicht gesehen haben und kennen, weil sie eine Frau als Captain bis heute nicht akzeptiert haben und weil "Raumschiff Voyager" hartnäckig auf ihr Einzelepisoden-Konzept besteht, das mehr zu der Serienprämisse passt und jeder Episode mehr Stellenwert verleiht als bei einer ach so tollen Kontinuitätsserie, wo die einzelnen Episoden kein in sich geschlossenes Werk sind, sondern einem Rahmen untergeordnet sind, aus dem sie nur schwer ausbrechen können. Was darunter leidet, ist Abwechslung. "Raumschiff Voyager" kennt dieses Problem daher zum Glück nicht. Jede Episode hat eine eigene Atmosphäre, ist auf dem Niveau eines kleinen Kinofilms und zeichnet sich durch Abwechslung aus.
Das Pionierhafte, das Aufregende am Weltraum und an seiner Forschung kann man nur durch ein Einzelepisoden-Konzept vermitteln, da dieses wie die Crew eines Forschungsschiffes stets mit Neuem konfrontiert wird und keine Altlast - wie bei einer Kontinuitätsserie - mit sich herumträgt, die das Flair des Neuen zerstört.
Dem Einzelepisoden-Konzept ist zu verdanken, dass "Das nächste Jahrhundert" und "Raumschiff Voyager" inhaltlich so herausragende Serien geworden sind. Sie stellen sich gegen den Trend der Zeit, wo die Macher ihre Ideenarmut mit Kontinuität übertünchen und krampfhaft versuchen, die Zuschauer so bei der Serie zu halten.
Denn für eine Einzelepisoden-Serie müssen sich die Autoren jede Woche etwas Neues einfallen lassen, bei einer Kontinuitätsserie ist eine Episode meistens nur dazu da, die gesamte Geschichte ein bisschen weiterzuspinnen, weshalb sie meistens banal und ohne jeglichen eigenständigen Inhalt ist. Sie ist nur dazu da, dem Rahmen zu dienen und die Zuschauer zum Einschalten zu zwingen - doch wo bleibt das Künstlerische? Dieses lässt sich nicht in einen Rahmen zwingen und geht flöten.
Eine Einzelepisoden-Serie ist somit stets aufwändiger als eine Kontinuitätsserie und inhaltlich auch viel besser. 45 Minuten sind lang und völlig ausreichend, um eine gute und reichhaltige Geschichte darin zu platzieren, die in sich abgeschlossen ist.
Trotz allem ist klar, dass man feste Elemente braucht, die eine Serie zusammenhalten. Ein Spagat zwischen ein wenig Kontinuität - ohne dass diese die Episoden selbst zu sehr beeinflusst - und einer Einzelepisode muss her.
Und hierbei ist "Raumschiff Voyager" ein Musterbeispiel für diese gelungene Balance. Sei es die Serienprämisse an sich - die Rückkehr nach Hause, welche sich über die gesamte Serie erstreckt - oder die Charaktere, die sich ganz natürlich entwickeln - man schaue sich nur die Romanze zwischen Tom und B'ELanna an - oder kleine, nicht störende Vermerke zu den vergangenen Episoden - soetwas versteht man unter einer guten Einzelepisoden-Serie, die hauptsächlich nur durch die Charaktere und ihre Prämisse zusammengehalten wird und die ihren Episoden soviel Freiraum zur Entfaltung wie möglich bietet - ihnen keinen Rahmen setzt. Erst dadurch sind so grandiose Episoden wie "Skorpion", "Nacht", "Die Drohne", "Temporale Paradoxie", "Equinox", "Die Muse", "Kritische Versorgung", "Die Arbeiterschaft", "Die Leere", "Renaissancemensch" usw. usw. erst möglich - alles phänomenale Einzelepisoden, die geschlossen sind und eine eigenständige Geschichte erzählen - die keine Fortführung einer bereits bekannten sind -, auf die die gesamte Konzentration liegt, die schlicht kleine Meisterwerke sind.
Die Frage erübrigt sich, ob man eine Serie haben will, die ein ganzes Meisterwerk ist oder ob man eine Serie haben will, die aus vielen kleinen ebenbürtigen Meisterwerken besteht, an die der Zuschauer gern zurückdenkt.
Für eine Forschungsserie und damit "Star Trek" (wie der Name bereits sagt) passt selbstverständlich das Einzelepisoden-Konzept besser, weil es wie bereits erwähnt das Neue, das Aufregende, das Sense Of Wonder besser wiederspiegelt, da jede Woche eine neue Episode kommt, die mit etwas völlig Neuem aufwartet und nicht an einen erdrückenden Rahmen gebunden ist. Daher kann man "Das nächste Jahrhundert" und "Raumschiff Voyager" nicht genug dafür loben, dass sie sich so vehement gegen den Trend gewehrt hat und wirkliche Sciencefiction-Serien sind. Und man kann die "Deep Space Nine"-Serie nicht genug dafür verachten, dass bei ihr das Sense Of Wonder dank dem andauernden Dominion-Krieg nach und nach verloren gegangen ist.
Da wir bei den Vorwürfen sind: Basher und Nachplappler-Fans kritisieren die Aliens oder Weltraumphänomene der Woche. Nun, wozu schaut man sich Sciencefiction an? Ich glaube, diese Frage ist in den letzten Jahren erheblich in den Hintergrund gerückt. Wozu begeistert man sich für Sciencefiction? Eben weil man am Weltraum, an der möglichen Zukunft der Menschheit, an der aufregenden Technik und an der Forschung interessiert ist.
Dazu gehören selbstverständlich Aliens, Technobabble und Weltraumphänomene. Dies hat "Das nächste Jahrhundert" bereits zu etwas besonderem gemacht und "Raumschiff Voyager" mindestens ebenso. Es sind keine Serien, in denen ständig gekämpft und in denen die Forschung vernachlässigt wird - in denen die Definition Sciencefiction zu Scienceaction mutiert. Es sind Serien, die sich abermals dem Trend stellten, dass Sciencefiction stets düster, pessimistisch und von epischen Kriegen handeln muss.
Die Definition des Begriffes Sciencefiction ist im Laufe der Jahre wohl wahr eine andere geworden. Und auch hier kann man "Das nächste Jahrhundert" und "Raumschiff Voyager" nicht genug dafür loben, dass sie Sciencefiction- und keine Scienceaction-Serien wie "Deep Space Nine" oder das total missratene "Babylon 5" geworden sind - weil "Das nächste Jahrhundert" und "Raumschiff Voyager" den Weltraum hauptsächlich als Forschungsstätte und nicht als Schlachtfeld betrachten.
Apropos Alien der Woche - von Spezies 8472 kann man das nun wirklich nicht sagen. Eine Rasse, die sogar mächtiger ist als die Borg - das ist spannend und neu und verleiht "Skorpion" die Gefährlichkeit, die sie braucht, um funktionieren zu können.
Genau wie "In den Händen der Borg" und "Angriffsziel Erde" die "Enterprise-D" in eine tödliche Situation brachten, bringt "Skorpion" die "Voyager" in eine ebenso gefährliche und storytechnisch hochinteressante Situation. Sie bringt Abwechslung in die bisher sehr "helle" Serie und verleiht ihr mehr Düsterkeit - ohne dass die Serie darin versinkt und zu Scienceaction mutiert, da die Charaktere hier nachwievor im Vordergrund stehen. Der Aspekt der Düsterkeit bringt lediglich willkommene Abwechslung ins Spiel, ohne dass die Serie für immer düster wird. Das zeichnet eine Einzelepisoden-Serie aus - sie kann sich viel experimentierfreudiger zeigen und mit allen möglichen Nuancen spielen.
Was "Skorpion" neben dem grandiosen Streit zwischen Janeway und Chakotay auszeichnet, ist die geniale Story. Eine Allianz mit den Borg oder Kes' verstörende Bilder von Borg-Leichen-Bergen - das gab es noch nie zuvor in "Star Trek" und das klingt so gewagt, dass die Episode bereits im Vorfeld für Spannung sorgt. Und entsprechend ist diese Allianz behutsam, logisch und voller Einfälle ausgearbeitet. Sei es der Doktor als Schlüsselträger oder Janeway und Tuvok, die zusammen mit Seven Of Nine arbeiten. "Skorpion" beeindruckt den Zuschauer in jeder Szene.
Das liebevoll ausgearbeitete Drehbuch mit dem Streit zwischen Janeway und Chakotay gehört zu einem der besten von ganz "Star Trek". Hier wird nicht mit ausufernder Weltraumaction für Spannung gesorgt, sondern mit zeitlosen Stilmitteln wie Wörtern und Metaphern. Sei es die Parabel vom titelgebenden Skorpion oder "Nordwestpassage" - das ist intelligente Unterhaltung sowie wir sie von "Star Trek" her kennen und lieben.
Was "Raumschiff Voyager" auch auszeichnet, sind die atemberaubenden Produktionswerte, die mit "Skorpion" ein neues Niveau erreichen. Optik und Sound sind ausgezeichnet und sind geradezu betörend. Besonders gelungen sind die Bioschiffe der Spezies 8472, die sich vom Design her erfrischend von allen bisherigen "Star Trek"-Raumschiffen abheben.
Fazit
Ein Muss für jeden "Star Trek"-Fan, dem bis jetzt "Raumschiff Voyager" suspekt war. "Skorpion" beeinflusst wie keine andere Episode zuvor die Richtung der Serie. Ab dieser Folge an ist "Raumschiff Voyager" eine lebhaftere, temporeichere und tiefgründigere Serie, die vor Abwechslung nur so sprüht.
"Skorpion" überzeugt durch brillante Charakterszenen und einzigartige Bilder. Action ist nie Mittel zum Zweck, sondern ordnet sich der Story brav unter.
Wer "Raumschiff Voyager" bis jetzt gemocht hat, der wird die Serie mit dieser Episode an lieben. Wer bei "Raumschiff Voyager" bis jetzt nur flüchtig eingeschaltet hat, der sollte von nun an öfters einschalten. Denn spätestens mit dieser Episode hat die Serie ihre eigene Richtung gefunden und braucht sich nicht mehr hinter ihren Vorgängern zu verstecken.
"Skorpion" ist eine rundum überzeugende Episode, die zu einer der besten von ganz "Star Trek" zählt. Note 1+
TV-Ausstrahlung
Sat.1 - 27.09.2003 und 28.09.2003, 17:00 Uhr: "Skorpion", Teil 1 und 2, 68. und 69. Episode (3. Staffel und 4. Staffel) der Serie "Raumschiff Voyager", Sciencefiction, USA 1997.
(sl); STVC-Meldung vom 27.09.2003; Quelle:
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