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TV-Klassiker: "Temporale Paradoxie"

Heute wird die 100. "Raumschiff Voyager"-Episode "Temporale Paradoxie" auf Sat.1 wiederholt. Es handelt sich hierbei um eine der besten und außergewöhnlichsten Episoden von ganz "Star Trek". Warum die Episode "die Definition von großartiger Sciencefiction" ist und wo die Jubiläumsepisode noch überzeugen kann, lesen Sie in diesem TV-Tipp mit kurzer Inhaltsbeschreibung und Kritik.

Titelgrafik zur News
Die 100. "Raumschiff Voyager"-Episode

Inhalt

Ein gealterter Chakotay und ein älterer Kim finden die "Voyager" unter tiefem Eis begraben. Erst nach und nach wird klar, dass sich vor 15 Jahren eine Tragödie ereignet hat, als die Crew mit dem Slip-Stream-Antrieb experimentierte. Alle Crewmitglieder, außer Kim und Chakotay, kamen dabei ums Leben. Nun wollen die beiden mit Hilfe des Doktors die Geschichte verändern und ihre Freunde retten ... [mehr]

Kurzkritik

Definitiv die bisher beste Episode der Serie und vom Aufbau her die gelungenste von ganz "Star Trek". Soetwas nennt man pure Sciencefiction - aus diesem Grunde schaut man sich "Star Trek" an. Weder Action noch Krieg noch Brutalität wie bei "Deep Space Nine" zeichnen die Episode aus - nein, es sind einzig und alleine die Charaktere und eine glanzvolle Einzelepisoden-Story auf Kino-Niveau produziert.

Bei "Temporale Paradoxie" sieht man sehr deutlich, wie die dummen "Raumschiff Voyager"-Basher im Unrecht liegen, die die Serie nicht wirklich kennen und ihr eindimensionale Charaktere (ein Klischee-Vorwurf) vorwerfen. Wie soll eine so stimmige und fesselnde Charakter-Episode wie diese würdige Jubiläumsfolge funktionieren ohne interessante Charaktere? Dass sie funktioniert, das ist zweifelsohne! Die "Raumschiff Voyager"-Basher - diese nutzlosen, abscheulichen und gewaltgeilen Action-Knaben - kann man spätestens nach dieser Episode vollends ignorieren. "Raumschiff Voyager" ist mit "Temporale Paradoxie" mehr über sich hinaus gewachsen als jemals zuvor und hat die andauernde Kritik seitens Action-Knaben - meistens "Deep Space Nine"-Fans - nicht mehr im Ansatz nötig (mehr dazu lesen Sie bitte in unserer extrem populären Kolumne "Deep Space Nine(-Fans) - die Vergewaltigung von Star Trek hat einen Ursprung").

Auch hier zeigen sich rechtlich deutlich die Unterschiede zu "Deep Space Nine" - einer Möchtegern-"Star Trek"-Serie: Während "Deep Space Nine" Beklemmenheit und Tragik meistens durch Krieg und Leichen und massenweise Explosionen erzeugt, tut es "Raumschiff Voyager" mit gehobeneren, subtileren und zeitlosen dramaturgischen Methoden: Dadurch, dass wir den Absturz von "Raumschiff Voyager" bereits zu Anfang kennen, wirkt der Rest der Episode unglaublich beklemmend und selbst die fröhlichen Szenen wie die Einweihung des Slip-Streams unterliegen einer omnipräsenten Tragik.

Durch viele Szenen wie zum Beispiel Chakotay, der den letzten Logbuch-Eintrag einer längst verstorbenen Janeway abruft und eine Gänsehaut auch beim Zuschauer hervorruft oder das herunterfallende Panel, wird diese Tragik exponentiell gesteigert. Soetwas nennt man intelligente Unterhaltung! Nicht das Augenscheinliche zählt, sondern das Subtile, Persönliche und Zum-Nachdenken-Anregende! Das Schicksal des Schiffes geht dem Zuschauer, der seit nun mehr als fünf Jahren diese Tour de Force der "Voyager" mitmacht, schon aufgrund der Story nahe - durch diese dramatische Erzählweise wird das Trauergefühl sogar so intensiviert, dass der Zuschauer am Ende der Episode zu Tränen gerührt wird.

Damit dies alles aber wirklich funktioniert, muss die Episode eine beinahe persönliche Beziehung zum Zuschauer aufbauen und darf sich nicht allzusehr verzetteln: Das gelingt mittels des Harry-Kim-Charakters, brillant verkörpert von Garrett Wang. Wang ließ in der Vergangenheit viel Kritik an seinem Schauspiel zu, doch mit dieser Episode und dem Druck, der einer Jubiläumsepisode vorausgeht, ist Wang über sich hinausgewachsen und liefert das mit Abstand beste Schauspiel seiner "Raumschiff Voyager"-Karriere ab. Dadurch, dass sich die Story im Kern nur auf Harry Kim konzentriert, ist der Zuschauer nicht zu sehr abgelenkt und eine Identifikation findet augenblicklich statt. Da "Temporale Paradoxie" so elementare menschliche Themen wie Schuld behandelt, ist die Distanz zum Zuschauer noch mehr verkürzt und in Kombination mit der bestechenden Dramaturgie ergibt dies eine umheimlich emotionale Episode - die bisher emotionalste der gesamten Serie.

Da sieht man es wieder einmal zu deutlich: "Star Trek" läuft nicht im Dominion-Krieg oder Xindi-Handlungsbogen zu seiner Hochform auf, sondern sein Potenzial wird ausschließlich in solchen Episoden wie "Temporale Paradoxie" ausgeschöpft, die Sciencefiction und Menschlichkeit geschickt miteinander verbinden. "Star Trek" handelt von Menschen, nicht von Krieg in all seiner Variation! Es interessiert herzlich wenig, wie die Menschen sich im Krieg entwickeln, was der Krieg für Entwicklungen vorantreibt und welche menschliche Themen im Krieg möglich sind - wie es bei "Deep Space Nine" der Fall ist. "Star Trek" handelt nicht von Krieg! "Star Trek" handelt schon gar nicht eine ganze Serie lang von Krieg! Und "Star Trek" betrügt auch nicht seine Zuschauerschaft mit einem zuerst utopischen Universum und dann einem Universum im Kriegsrausch! Schande über "Deep Space Nine" und vor allem über ihre Fans, die erst "Star Trek" in den Ruin getrieben haben (mehr dazu lesen Sie bitte in unserer extrem populären Kolumne "Deep Space Nine(-Fans) - die Vergewaltigung von Star Trek hat einen Ursprung"). "Star Trek" besteht nachwievor aus den Serien "Raumschiff Enterprise", "Das nächste Jahrhundert" und "Raumschiff Voyager", aber auf keinen Fall aus "Deep Space Nine" und schon gar nicht "Enterprise".

Wer eine so düstere Kriegsepisode wie "Die Belagerung von AR-558" "Temporale Paradoxie" vorziehen kann, der hat nicht begriffen, worum es in "Star Trek" wirklich geht - um Menschen (jedoch ohne Krieg im Hintergrund)! Denn nur menschliche Dramen können Sciencefiction - etwas, das im Grunde sehr technisch, kalt und auch teils bodenlos ist - Leben einhauchen und Bodenständigkeit geben, während Sciencefiction mit all ihren Möglichkeiten dem Drama zu neuen Höhen verhelfen kann. Darum steht gute Sciencefiction immer in Verbindung mit menschlichen Geschichten (allerdings ohne Krieg oder Tod ständig - wie bei "Deep Space Nine" fast eine ganze Serie lang - im Hintergrund, da Krieg das Technische, Kalte und Bodenlose an Sciencefiction wieder verstärkt und einer Geschichte das Leben nimmt).

Wie es sich für eine Jubiläumsepisode gehört, behandelt "Temporale Paradoxie" das elementarste Thema der Serie - die Rückkehr nach Hause. Einfühlsam geschriebene Charakterszenen, in denen jeder der liebevollen "Raumschiff Voyager"-Charaktere zeigen kann, wie sehr er sich verändert hat, macht "Temporale Paradoxie" noch mehr zu einer würdigen Jubiläumsepisode, die zugleich Rückblick und Ausblick ist. Es ist nach dieser Folge nun keine Frage mehr, ob die Crew nach Hause kommt, sondern wann.

Gerade weil die Crew so hart für dieses Ziel gearbeitet hat, gerade weil der Zuschauer all die Jahre so mit Janeway und Co mitgefiebert hat, ist diese Bruchlandung - so kurz vor dem ultimativen Ziel - solch eine Tragödie. Der geniale Aufbau lässt den Zuschauer zu Anfang auch völlig im Dunkeln, er kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie es denn zu diesem Absturz kommen konnte. Erst nach und nach lüftet sich der Schleier. Doch damit nicht alles, spielt "Temporale Paradoxie" auch geschickt mit den Erwartungen der Zuschauer - sprich der erneute Absturz. Dies sorgt für Spannung von der ersten Minute an.

Die Erzählweise ist deswegen so interessant, weil sie ein absolutes Novum im "Star Trek"-Universum ist. Es gibt keine A- und B-Handlung mehr - es laufen wirklich zwei Episoden nebeneinander - zwei aktive Handlungen, von denen eine in der Gegenwart und die andere in der Zukunft spielt und die beide etwa dieselbe Länge aufweisen. Zwei Handlungen, die zwar miteinander wechselwirken, aber nicht abhängig sind im klassischen Sinne, eben durch ihre zeitliche Distanz zueinander. Es gibt keine dominierende Handlung mehr und beide Handlungen erzählen eigenständige Geschichten - die zwei Handlungsstränge sind gleichberechtigt und laufen wirklich parallel ab und aufeinander zu. Der fließende Übergang von einer Handlung zur nächsten weiß oft zu überraschen, hält die beiden Handlungsstränge zusammen und trägt daher erheblich zur Spannung bei.

Es wird gezeigt, wie die Gegenwart durch die Zukunft manipuliert wird (und nicht wie sonst umgekehrt), ohne dass sich beide Zeiten berühren. Es handelt sich hierbei also überhaupt nicht mehr um eine klassiche "Star Trek"-Zeitreisegeschichte - ganz im Gegenteil, es findet gar keine Zeitreise statt! Das ist ein gänzlich neues Konzept im "Star Trek"-Universum. Da mag man noch kommen und sagen, "Star Trek" sei tot - ganz im Gegenteil, "Star Trek" bietet unendlich viele Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen, man muss nur darauf kommen und sich nicht auf die faule Haut legen - wie man dies etwa bei "Deep Space Nine" und "Enterprise" tut, denn dort hat bekanntlich Kontinuität das Sagen, welche die Ideenlosigkeit der Macher übertünchen soll, die ja dank einem durchgehenden, aktiven Handlungsbogen sich nicht mehr jede Woche etwas gänzlich Neues einfallen lassen müssen, sondern nur eine bekannte Geschichte zu strecken brauchen.

Dieses neue "Zeitreise"-Konzept verleiht "Temporale Paradoxie" die nötige Frische - das notwendige Extra, um sich von den restlichen Episoden abzuheben und ihren Status als Jubiläumsfolge zu bekräftigen. Da mag noch ein Basher kommen und sagen, "Raumschiff Voyager" wüsste nicht mit originellen Inhalten aufzuweisen! Die Serie ist voller origineller Einfälle - besonders in dieser phänomenalen fünften Staffel, deren alle bisher ausgestrahlten Episoden restlos zu überzeugen wussten.

Wie bei allen "Raumschiff Voyager"-Episoden spielen Action und Effekte nur eine nebensächliche Rolle - wer dies wie die dummen Basher bestreitet, der kennt die Serie nun wirklich nicht - und so kommt es, dass der größte Teil von "Temporale Paradoxie" aus Charakterszenen besteht. Der Absturz der "Voyager" ist sicherlich die imposanteste Specialeffects-Sequenz und in Verbindung mit der Story auch die dramatischste, die je eine "Star Trek"-Episode hervorgebracht hat - doch versteckt sich das Visuelle in der 100. Episode wie in fast allen "Raumschiff Voyager"-Episoden stets sachte hinter der Story. So muss "Star Trek" sein - nicht das Äußere zählt, sondern das Innere und im Falle von "Temporale Paradoxie" sind beide schön!

"Temporale Paradoxie" ist ein Musterbeispiel dafür, wie sehr sich "Raumschiff Voyager" von ihren Vorgängern und Nachfolgern abhebt. Jede Episode versucht eine eigene Atmosphäre aufzubauen und die Macher setzen alles daran, die Zuschauer jede Woche neu damit zu beeindrucken - mit TV auf Kinoniveau - nicht wie bei "Deep Space Nine" oder "Enterprise", wo die Episoden durchgehend düster wirken und immer dieselbe, langweilige Atmosphäre haben.

"Raumschiff Voyager" hat eine "Atmosphäre Of The Week" - und das verleiht der Serie ein unglaubliches Sense Of Wonder und als Konsequenz eine ungeheure Abwechslung. Soetwas nennt man den Vorteil einer Einzelepisoden-Serie, soetwas nennt man herausragende Sciencefiction! Und in Verbindung mit den großartigen Stories ist genau dies der Grund, warum "Raumschiff Voyager" noch immer die beste Sciencefiction-Serie ist, die jemals im TV lief.

Wer nach dieser Episode "Raumschiff Voyager" noch mit Standard-Klischees beleidigt, der ist wahrlich ein dummer, chauvinistischer oder kriegssüchtiger Action-Knabe, der die Serie niemals oder nur flüchtig verfolgt hat, der wegen "Deep Space Nine" "Star Trek" niemals verstanden hat bzw. der mit den gehobeneren Themen von "Star Trek" nichts anfangen kann.

Wer eine Episode wie "Temporale Paradoxie" sieht, die ja aus der Zusammenarbeit zwischen Brannon Braga und Rick Berman entstanden ist, der fragt sich wirklich, was diese beiden berüchtigten Herren in "Enterprise" geritten hat, dass diese sich so einen Stuss wie den Xindi-Handlungsbogen ausdenken können, der mit Non-Sense-Episoden wie "Extinction" daherkommt. Ja, "Star Trek" ist nach dem Ende von "Raumschiff Voyager" wahrlich ein Trauerspiel geworden. Ein Grund mehr, weshalb Sie sich auf die Wiederholungen von "Raumschiff Voyager" freuen sollten - denn diese Serie ist die letzte wahre "Star Trek"-Serie mit Niveau und Anstand!

Fazit

"Temporale Paradoxie" ist die Definition von großartiger Sciencefiction und eine Episode, die einen zum Fan der Serie machen kann. Im Vordergrund einer sowohl visuell als auch inhaltlich bestechenden Story wird ein menschliches Thema einfühlsam angegangen. Die 100. "Raumschiff Voyager"-Episode ist eine in jeder Hinsicht würdige Jubiläumsepisode und ein wahrer Klassiker, der zu Tränen rührt! Ein absoluter Gewinn für die Serie und "Star Trek"! Note 1+++

Infos

Sat.1 - 18.01.2004, 17:00 Uhr: Wiederholung von "In Fleisch und Blut", 100. Episode (5. Staffel) der Serie "Raumschiff Voyager", Sciencefiction, USA 1998

Linktipps

- Kolumne: "Enterprise - die Vergewaltigung von Star Trek"
- Kolumne: "Nemesis - die Vergewaltigung von Star Trek geht weiter"
- Kolumne: "Deep Space Nine(-Fans) - die Vergewaltigung von Star Trek hat einen Ursprung"

(sl); STVC-Meldung vom 18.01.2004; Quelle: [1341 Aufrufe; 0 Kommentare]

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