Beim ersten Kurzgeschichten-Event des Jahres 2008 sollten die kreativen Köpfen im STVC eine Kurzgeschichte verfassen, welche die folgenden Begriffe enthalten musste: Klingonen, Weltraumschrott, Mord, Kleinhirn und Elfenkönig. Die Community hat nun abgestimmt und wir wollen Ihnen die Gewinner präsentieren.
Platz 1 teilen sich Benjamin_Sisko und Abgesandter_Sisko:
Benjamin_Sisko mit ...
"Ein Oskar für Beethoven"
Mein Name ist John Godwyn. Ich bin ein Physik-Student an einer nicht nennenswerten Universität in einer gottverlassenen Kleinstadt Amerikas ... oder zumindest war ich das einmal. Wie so viele meinen Kommilitonen - im Gegensatz zu den Strebern, die den ganzen Tag in ihre Bücher versunken waren - genoss ich das Studentenleben in vollen Zügen. Partys, Mädchen und Ausgehen bis in frühen Morgenstunden. Dies führte jedoch dazu, dass ich auch die ein andere Vorlesung ausfallen lassen musste ... vor allem die Frühen, die vor 12 Uhr begannen. Zu meinem Unglück gehörten zu diesen ausgefallen Dingen auch eine wichtige Prüfung, dessen Termin sich am Vorabend nach einer feucht-fröhlichen Party mitsamt meines restlichen Mageninhalts in der Toilette verabschiedete. Wie ich mich nun fühlte könnt ihr euch sicherlich gut vorstellen. Die Prüfungskommission hatte mein Härtegesuch abgelehnt und somit müsste ich mich langsam mit Gedanken begnügen, ohne einen Abschluss mein Geld mit dem Schruppen von heruntergekommenen Gaststätten-Toiletten zu verdienen. Einen Ausweg aus dieser Situation versprach mir mein Professor, indem er ein Wort bei der Prüfungskommission einlegen würde, wenn ich ihn bei einem Experiment unterstützen würde. Der Professor hatte es vor einiger Zeit tatsächlich geschafft, eine Kammer zu entwickeln, die einen lebendigen Körper in Kälteschlaf versetzen und zu beliebiger Zeit wieder auftauen konnte. Nachdem er seine Kammer bereits erfolgreich an Tieren getestet hatte, sollte ich nun sein erstes menschliches Versuchsobjekt sein. Da ich nicht als Versager abgestempelt werden wollte, ging ich - wenn ich mulmigen Gefühl in meinem Magen - auf sein Angebot ein. Nach einem Tag sollte ich dann wieder geweckt werden und meine gerechte Belohnung erhalten.
Das Gefühl, das ich beim Aufwachen verspürte lässt sich wohl noch am ehesten mit einem Kater nach einer langen durchzechten Nacht vergleichen. Mir war extrem schwindelig und die strahlende helle Sonne versuchte mir ebenso starke Kopfschmerzen. Ich blieb deshalb noch einige Zeit regungslos liegen, bis sich mein Kater nach und nach verflüchtigte. So erwartete ich kurze Zeit später das strahlende Gesicht meines Professor zu sehen, ehe sich in meinem von Feiern geplagten Hirn allmählich eine Frage formulierte: Wie ist es verdammt nochmals möglich, dass ich im unterirdischen Labors meines Professors den glasklaren blauen Himmel sehen konnte? Ich setzte mich also langsam auf und versuchte mir einen Überblick über meine Umgebung zu verschaffen. Wo ich aber auch hinsah konnte nur alte verrostete Metallteile sehen, die mich an irgendwelchen futuristischen Weltraumschrott erinnerten. Da ich nun das Gefühl hatte, dass weiteres Rumsitzen meine Lage nicht verbessern würden, verließ ich meine Kammer und versuchte eine Ausweg aus diesem Schrottplatz zu finden.
Nach kurzer Zeit fand ich den Ausgang und sah mich inmitten einer von Wolkenkratzern übersäten Stadt wieder. Meine geographischen Kenntnisse würde ich selbst eher als bescheiden bezeichnen, jedoch war ich mir ziemlich sicher, dass sich in einem größeren Umkreis meiner Universität keine Stadt mit auch nur einem dieser riesigen Gebäude befand. Schon allein, die in Höhe und die Anzahl der scheinbar bis in die Wolken ragenden Gebäude ließ mich daran zweifeln, ob mein Gehirn das Experiment schadlos überstanden hatte. Weitaus seltsamer waren aber auch diese riesigen Bildschirme, die an dem unteren Teil jedes dieser Gebäude angebracht waren und ständig Werbung für irgendwelche mir unbekannten Produkte zeigten. Ziemlich seltsam aussehende Produkte mit sehr obszönen Namen, wie ich an dieser Stelle erwähnen muss. Je länger ich mich umsah, überkamen mich Zweifel, ob ich wirklich nur einen Tag geschlafen hatte. Die kompakten Fahrzeuge, die riesigen mit Bildschirmen versehen Gebäude und natürlich die Menschen. Wie gebannt standen sie in der Gegend rum und starrten auf diese Bildschirme. Einige blieben sogar mitten auf der Straße stehen, wenn irgendein Spot erschien, der ihre Aufmerksamkeit erregte. Und vor allem lachten sie über diese Spots. Ein Football traf die Weichteile einer Person, eine andere Person bekam einen Tritt in dieselbigen und ein weiterer Spot zeigte einen furzenden Hintern. Ich weiß, dass sich diese Menschen auf den ersten Blick nicht sehr von meinen Kommilitonen unterschieden, aber wenn man bedenkt, dass es sich bei den genannten Spots um Reklame für ein Erfrischungsgetränk, Schuhe und irgendeine Art von neuartigem Soundsystem handelte und die Menschen selbst bei der x-ten Wiederholung immer noch darüber lachten, waren doch ernsthafte Zweifel über den geistigen Zustand dieser Menschen angebracht.
Da langsam der Abend anzubrechen schien, setzte ich meinen Weg fort. Mein vorrangiges Ziel war es nun eine Unterkunft für die kommende Nacht zu finden. Während ich nun so durch diese tiefen Häuserschluchten schlenderte, hörte ich das Leuten von Kirchenglocken. Ich blickte mich in die Richtung um, aus der ich das Geräusch vernahm und konnte tatsächliche ein Gebilde erkennen, das wie ein großer Glockenturm aussah. Nur mit dem Unterschied, dass anstelle der Uhr ein riesiger Bildschirm hing, der die aktuelle Uhrzeit und das heutige Datum anzeigte. Ich kann dieses Gefühl nur sehr schwer beschreiben, als sich plötzlich meine schlimmsten Befürchtungen bestätigen. In Großbuchstaben stand da ganz deutlich: 18:00 Uhr, 18. September 2528. Sofern diese Anzeige also tatsächlich stimmte, hatte ich mehr als die letzten 500 Jahre in meiner Kammer geschlafen. Panik stieg in mir empor und ich ging auf eine Gruppe Menschen zu, um mich von der Richtigkeit dieser Anzeige zu überzeugen. Der Versuch eines Gesprächs mit diesen Kleinhirnen gestaltete sich jedoch mehr als schwierig. "Lass mich in Ruhe! Wir wollen den Football in die Weichteile sehen.", waren die Antworten, die ich von jedem dieser Individuen in sehr ausdruckslos klingenden Worten erhielt. Auch wenn mir von diesen Menschen niemand bestätigen konnte, dass ich mich über 500 Jahre befand, so ergab plötzlich alles bisher gesehene einen Sinn. Ich wuchs in einer Zeit von Star Trek auf und hatte immer diese positive Vorstellung von der Zukunft. Die Erforschung des Weltalls, unbegrenzte technische Möglichkeiten, intelligente und einfallsreiche Menschen wie James Kirk, als er beim Kobayshi Maru Test die Klingonen besiegte. Diese Zukunft hier war jedoch das komplette Gegenteil. Die Gebäude waren zerfallen, Müll lag auf den Straßen und die Menschen, denen ich bisher begegnet war, waren dumm und primitiv, geistig auf dem Stand eines vorpubertären Jugendlichen, der über alles lachte, was in irgendeiner Weise sexuelle Anspielungen enthielt.
Obwohl viele meiner Gedanken um meine gegenwärtige Situation kreisten, setzte ich meine Suche nach einem Hotel fort. Das Wichtigste war im Moment, eine sichere Unterkunft für mich zu finden, ehe die Nacht anbrach. Nach kurzer Zeit wurde ich fündig und sah mich nun mit einem weiteren Problem konfrontiert ... mir fehlte das Geld für das Zimmer. Zwar hatte ich noch ein paar Dollar in meiner linken Hosentasche, aber im Laufe der letzten Jahrhunderte hatte sich das Währungssystem derartig verändert, dass mein ganzen Vermögen nicht mal mehr den Wert des gebrauchten Taschentuchs meiner rechten Hosentasche betrug. Da ich für die Nacht unbedingt eine sichere Bleibe brauchte, wendete ich eine List an. Ich gab mich als Produzent eines neuen "Tritt in die Weichteile" Werbespots aus, der hier in er Nähe gedreht und das Team in diesem Hotel untergebracht werden soll. Allerdings musste ich das Zimmer erst einmal testen, ob es für die Crew überhaupt gut genug sei. Noch ehe ich meine Erklärung beendet hatte, hatte ich auch den Schlüssel für mein Zimmer in der Hand.
Mein Zimmer war sehr spartanisch eingerichtet. Man könnte sogar sagen, dass es bis auf das Bett und Kleiderschrank sogar leer war. Was mir jedoch gleich beim Betreten auffiel war, dass die eine Wand aus einem kompletten Bildschirm bestand. Da ich eh von den heutigen Ereignissen noch zu aufgewühlt war und nicht schlafen konnte, beschloss ich, mich noch ein wenig um das Fernsehprogramm der Zukunft zu widmen, um somit meine Kenntnis über meine neue Umgebung erweitern zu können. Ich schaltete den Bildschirm ein und war mir im ersten Moment einer riesigen Flut von Bildern konfrontiert. Der Bildschirm war umrandet von vielen kleinen Bildschirmen, von denen jeder Werbespots zeigte, wie ich sie auch heute morgen an den Häuserfassaden gesehen hatte. Der Bereich in der Mitte zeigte dann das eigentliche Programm. Ich sah eine Art Oscar-Verleihung, bei der der beste Film des Jahres 2528 ausgezeichnet wurde. Nur dass der Oscar nicht mehr wie der Oscar aussah, wie ich ihn kannte. Es war quasi Oscar's Oscar, der von seiner Form her sehr stark einem männlichen Glied ähnelte. Nachdem der Regisseur seine Dankesrede gehalten hatte, wurde der Film dem Publikum nochmals vorgeführt. Es handelt sich um einen Film von dreißig Minuten Länge, bei dem unterbrochen ein rülpsender Mund gezeigt wurde. Mit sehr viel Phantasie konnte ich in dem Rülpsen noch eine Melodie erkennen, die mich ein wenig an Beethoven Neunte erinnerte. Nachdem die anderen Programme dieses Niveau noch deutlich unterkellerten, schaltete ich den Bildschirm ab, um mich schlafen zu legen.
Am nächsten Morgen wanderte ich ziellos durch die Stadt und versuchte die gestern gewonnen Eindrücke zu verarbeiten. Nach einiger Zeit kam ich an einem Buchladen vorbei. Da mich das Fernsehprogramm keineswegs zufrieden stellen konnte, beschloss ich mir ein paar Bücher für meine einsamen Abende auszuleihen. Schon beim Betreten des Ladens verstärkte sich mein gewonnener Eindruck, dass das Interesse an Büchern in dieser Zeit stark gesunken war. Ich war nämlich der einzige Kunde weit und breit. Auch der Verkäufer machte einen sehr verwunderten Eindruck, als er mich die Türe hereinkommen sah.
"Was willst Du hier?", fragte er mich charmant mit seiner ausdruckslosen und harschen Stimme.
"Bücher kaufen"
"Was willst Du mit den Büchern?"
"Lesen"
"Warum?"
"Weil's mir Spaß macht."
"Schau lieber Fernsehen. Ist nicht so langweilig"
Das Gespräch schien danach beendet zu sein und ich begann die Regale zu durchstöbern. Es dauerte nicht lange, ehe mir eine Ausgabe von Shakespeares Hamlet in die Augen stach. Mit Schrecken erinnerte ich mich an meine Schulzeit zurück, als wir dieses Werk in unserem Englischunterricht ausgiebig besprochen hatten. Zwar konnte ich mich nicht mehr an den genauen Inhalt erinnern, aber ich war mir ziemlich sicher, dass das Stück mehr als fünf Seiten hatte. Als ich diese Ausgabe aufschlug (auf dem Buchdeckel stand: Überarbeitete Version von 2287) bemerkte ich, dass es sich bloß um eine gekürzte Version handelte, bei der man einen Akt auf eine Seite zusammenfasste. Ein wenig entsetzt stellte ich das "Buch" wieder in das Regal zurück und entdeckte zufällig die überarbeitete Version aus dem Jahre 2508, die Hamlets kompletten Inhalt mit folgenden Worten Wiedergab:
"Hamlet kehrt von seinen Studien zurück, weil sein Vater gestorben ist. Ihm erscheint ein Geist, der ihm sagt, dass ihn sein Bruder und jetziger König ermordet hat. Der befiehlt ihm, den Tod seines Vater zu rächen. Daraufhin lässt Hamlet ein Theaterstück aufspielen, indem der Mord an seinem Vater nachgespielt wird. Dadurch will er eine Reaktion des Mörders erzwingen. Am Ende kommt es zu einem Kampf Hamlets mit einem Freund des Königs. Bei diesem Kampf werden fast alle Personen getötet."
Obwohl ich kein Kenner von Literatur war, tat es mir doch ein wenig weh in meinem Herz, wie weit die großartigen Werke unserer Zeit vergessen und verunstaltet wurden. Ich wollte mir gerade das nächste Werk aus dem Regal ziehen, als ich den Verkäufer irgendwas brüllen hörte. Er waren unverständliche Dinge, aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich die Worte "kaufen", "stehlen" und "Polizei" herausgehört habe. Ich wollte ihm gerade verständlich machen, dass ich mir nur umsehe, als plötzlich ein paar schwarz uniformierte Gestalten den Laden stürmten und mich aus dem Laden schleiften, während der Verkäufer mir Worte, wie "dreckiger Dieb" nachrief.
Die Polizei verfrachtete mich in einen kleinen Transporter, wo ich zu einer Gerichtsverhandlung gebracht werden sollte. Ich wurde behandelt, als hätte ich einen Mord begangen. Es mag vielleicht seltsam klingen, aber das erste Mal, seit ich aus dieser Kammer aufgewacht bin, machte ich mir nun Gedanken über das, was ich verloren. Meine Eltern, meine Freunde ... alle schon seit Jahrhunderten Tod. Und auch die Gesellschaft ist nicht mehr die, die ich verließ. Sie war dumm und bequem geworden, süchtig nach stumpfsinniger Unterhaltung. Selbst zu meiner Zeit hatten sich die Filme und Fernsehshows schon dahin verändert, dass man die Action, die reine Unterhaltung in den Vordergrund stellte. Wildfremde Menschen wurden in Shows auf Kosten des Publikums bloßgestellt. Niemand wollte mehr denken, wenn er etwas sah, sondern nur noch unterhalten werden. Dabei kam mir wieder der rülpsende Mund aus der Oscar-Verleihung in den Sinn, über den hier jeder lachte. Niemand stellt sich hier die Frage, wem der Mund gehört und warum er rülpst? Ihnen war nur wichtig, dass er rülpst.
Dies führt mich zu einem weiteren Frage, warum wollte niemand mehr lesen? Ich erinnerte mich an den Kommentar des Verkäufers, der meinte, dass es zu anstrengend sei und das Fernsehen einfach die bessere Unterhaltung biete. Anscheinend wollte sich niemand mehr nach einem harten Arbeitstag den Kopf zerbrechen. Die Leute ließen sich lieber von ihrem Fernseher unterhalten, als sich nochmals Gedanken über die Inhalte eines Buches zu machen. Dies führte wohl dazu, dass man nach einiger Zeit nur noch Zusammenfassungen der Originalwerke las. Das Denken wurde einem abgenommen und man konnte unter Freunden dennoch angeben, ein berühmtes Werk der Geschichte gelesen haben. Nach einiger Zeit waren jedoch auch diese Zusammenfassungen zu anstrengend und es wurden Zusammenfassungen der Zusammenfassungen erstellt, und so weiter, bis schlussendlich gar niemand etwas lesen wollte.
Nach einiger Zeit erreichte ich das Gerichtsgebäude, wo mir von einem Richter, der gekleidet wie ein Elfenkönig war, der Prozess gemacht wurde. Eigentlich war nur ein gottverdammter Schauprozess, der zur Unterhaltung der Öffentlichkeit auch noch übertragen wurde. Obwohl eigentlich keine Beweise für meine Tat sprachen, warf man mich ins Gefängnis, wobei das Urteil von den Zuschauern gefällt wurde, die von zuhause abstimmen durften ... und nebenbei noch eine Reise gewinnen konnten. Ihr fragt euch jetzt sicherlich, wie ich fliehen konnte und vor allem, wie ich es wieder nach Hause geschafft habe, damit ich euch von diesem Erlebnis erzählen konnte. Nun, das ist eine andere Geschichte, die ich euch vielleicht ein anderes Mal erzählen werden. Ich muss nun weg, meinen Status als Student habe ich wiedererlangt und die große Semesterabschluss-Party fängt gleich an ... und da darf ich natürlich keinesfalls fehlen.
Abgesandter_Sisko mit ...
"Der Unterschied"
Mit einem Zischen öffnete sich der Turbolift.
"Jetzt sei nicht so verdammt eingeschnappt!"
Tom Paris blickte überrascht auf.
"Eingeschnappt? Ich und eingeschnappt?" Eilig schritt er in den Korridor, an amüsiert blickenden Crewmitglieder vorbei.
"Lass mich nicht einfach so stehen!", rief Belana, warf einem Crewman einen hasserfüllten Blick zu und eilte Tom nach.
"Was soll das?", drehte er sich abrupt um und versuchte erst nicht seine Stimme ruhig zu halten, "Folgst du mir nun durchs ganze Schiff?"
"Wenn es sein muss! Ja!"
Kurz schien er etwas unüberlegtes erwidern zu wollen, besann sich jedoch und eilte weiter.
"Siehst du? Es ist wie Chakotey sagte, du gehst Konflikten lieber aus dem Weg..."
Tom bog in ein anderen Korridor ab, Belana dicht folgend.
"Offensichtlich kann ich das nicht so gut, sie folgen mir..."
"Werd jetzt nicht sarkastisch!", unterbrach sie neben ihm eilend.
"War ich nicht."
"Und ob!"
Er hielt an und seufzte.
"Belana... es ist einfach nicht..." Er verstummte als zwei Fähnriche um die Ecke bogen.
"Was ist nicht?", rief sie die Vorbeilaufenden ignorierend.
"Können wir das einfach später besprechen?", fragte Tom letztendlich.
"Wieso? Es gibt nichts zu besprechen, ich habe mich entschuldigt oder?" Sie war immer noch erhitzt.
"Ich sagte doch... später", und deutete auf die immer mehr werdenden Zuhörer. Belana blickte sich rasch um (woraufhin zwei junge Kadetten sich eifrig mit einer Diagnosetafel an der Wand beschäftigten).
"Lt. Gromess!", rief sie den jungen Mann zu sich. "Auf wessen Seite stehen sie?"
"Wie ich schon heute morgen gesagt habe, Sir, denke ich dass Lt. Paris ein klein wenig..."
"Du besprichst das mit dem da?", unterbrach Tom verwundert und entsetzt zugleich.
"Ähm Sir, Lt. Gromess, Sir", warf jener ein. Tom lies Belana erneut stehen und marschierte in die entgegengesetzte Richtung.
"Siehst du? Wie Chakotey gesagt hat...", fing Belana erneut an, als sie ihn eingeholt hatte. Vor dem Turbolift blieben sie abermals stehen.
"Erstens", begann Tom nachdem er tief Luft holte, "kann ich wirklich nicht verstehen, warum du ausgerechnet mit diesem Gomez die Situation erörtern..."
"Gromess!", korrigierte Belana.
"... erörtern musstest und es es ist mir echt egal ob er Gromez, Bambi oder Elfenkönig heißt. Der Typ ist eine Null und trifft nie ins Schwarze. Nicht mal aus zwanzig Zentimetern! Und zweitens", fügte er rasch hinzu um sie nicht zu Wort kommen zu lassen, "ist es mir so etwas von egal", der Turbolift hinter ihnen glitt zischend auf, "was unser Pseudoindianer Chakotey immer sagt..."
"So? Was hat er denn genau gesagt?", erklang ausgerechnet Chakoteys Stimme. Tom und Belana drehten sich langsam um.
"Nichts, Sir.", reagierte Tom. Chakotey schmunzelte.
"Kann ich vielleicht helfen?", bot er freundlich an.
"Nun, Tom ist immer noch wegen dieser Angelegenheit sauer... Sir!", meldete Belana wahrheitsgetreu jedoch nicht ohne eine gewisse Genugtuung. Beide blickten sich kurz an.
"Ah, ja... Ich verstehe!", nickte Chakotey. "Nun Tom, wenn sie mich fragen...", und während Chakotey sprach, lief er langsam in den Korridor und zwang die beiden Offiziere Schritt zu halten. "Ich denke so etwas passiert einfach von Zeit zu Zeit, wissen sie. Kein Grund zur Beunruhigung. Und jetzt entschuldigen sie mich bitte...", er blieb stehen und schaute Tom schmunzelnd an, "aber ich muss mich um wichtige Indianer-Dinge kümmern. Sie verstehen schon..."
"Sir, ich...", begann Tom doch Chakotey winkte ab und ging davon. Tom wandte sich Belana zu.
"Toll, einfach toll!"
"Wieso, was ist? Du hast doch so ein Theater um so eine Kleinigkeit gemacht, nicht ich!", erwiderte sie.
"Klar, aber du musstest wegen einer Kleinigkeit das halbe Schiff informieren!"
"Das wäre auch nicht nötig gewesen, wenn du nicht so einen Aufstand gemacht hättest!" Beide standen sich genau gegenüber.
"Betazoidische Traschtante!", rief er.
"Aufgeblasenes, ängstliches, feiges, jämmerliches Kleinhirn!"
Tom lies den Mund kurz offen.
"Hast du mich Kleinhirn genannt?"
"Wie das Hirn eines Mannes..."
Hinter ihnen ging die Tür auf und Neelix blieb von der Szene überrascht stehen.
"Oh-na-warte!", rief Tom herausfordernd. "Du halbe klingonische..."
"Ah! Halt!", Belana hob ihre Hand vor Toms Gesicht. "Wenn du etwas gegen Klingonen sagen wirst, dann schwöre ich dir, dann trete ich dich persönlich durch eine Luftschleuse bis hin zu den jämmerlichen Weltraumschrott in dem wir Neelix damals aufgefischt haben!"
"Wenn... wenn ich etwas sagen dürfte?", mischte sich Neelix ein, "Vielleicht sollten sie beide sich beruhigen und bei einer Tasse Wirselkrauttee eine gemeinsame.... hey!", dämmerte es ihm endlich. "Was soll das heißen, im Weltraumschrott aufgefischt?"
Hinter den drei glitt zeitgleich der Turbolift abermals auf und Tuvok und Harry betraten (mehr und weniger verwundert) die Szene.
"Tom, alles ok?", fragte Harry sogleich.
"Ich nehme an ihre Streitereien bezüglich des kleinen Zwischenfalls...", begann Tuvok eine Augenbraue hebend.
"Herr Gott, weiß denn wirklich jeder Bescheid?", rief Tom unbeherrscht.
"Jetzt hör auf!", mahnte Belana. "Als ob du es nicht Harry gesagt hättest!"
"Was gesagt?" Harry blickte ahnungslos in die Runde.
Tom warf Belana einen vorwurfsvollen Blick zu, woraufhin sie es sich nicht verkneifen konnte aufzulachen.
"Ihr klebt aneinander wie Stan und Oliver oder wie die hießen, würdet euch gegenseitig ein Alibi für einen Mord geben ohne mit der Wimper zu zucken und so etwas erzählst du ihm nicht?"
Tuvok hob die andere Augenbraue; Tom schritt unwohl zur Seite und mied Harrys Blick.
"Es ist ja auch nichts wichtiges!", redete er sich heraus. "Ich wusste ja nicht dass du so ein Theater deswegen machst und mit jedem Erörtern musst."
Belana winkte ab. "Erzähl das nicht mir..."
"Nein. Ist doch in Ordnung.", sagte Harry eilig und winkte ebenfalls ab, jedoch nicht so überzeugend. "Ich erzähle Tom auch nicht jede Kleinigkeit, ist doch logisch!"
"Ach und als du ihn neulich dringend sprechen wolltest weil..."
"Belana!", unterbrach Tom scharf und teils aus Überraschung hielt sie still. Ein langes Schweigen folgte.
"Vielleicht...", begann Tuvok, "sollten wir das Gespräch an diesem Punkt beenden und uns wieder unseren Aufgaben widmen."
Noch bevor jemand etwas darauf erwidern konnte leuchtete rotes Licht auf.
"Janeway an die Führungscrew. Sofort zur Brücke. Es ist...", der Rest ging verloren. Gleichzeitig erlosch das rote Licht und damit sämtliche Beleuchtung.
"Also was zur Hölle...", fluchte Tom.
"Wie ich höre geht es Lt. Paris gut, sind sonst noch alle wohlauf?", erkundigte sich Tuvok.
"Ja, ich muss zum Maschinenraum!", rief Belana und bewegte sich bereits an der Wand tastend von der kleinen Gruppe fort.
"Belana komm zurück!", forderte Tom, wissend, dass sie nicht auf ihn hören würde.
"Sollten wir nicht alle zusammen bleiben?", erkundigte sich Neelix, der nach wie vor bei der Gruppe stand.
"Harry, vielleicht sollten Sie und Mr. Neelix hier...", ein zischendes Geräusch unterbrach Tuvok.
"Habt ihr das gehört?", fragte Neelix sofort.
"Ja. Diese verdammte Dunkelheit! Tuvok, können sie als Vulkanier mehr sehen?", erkundigte sich Tom.
"Nein Mr. Paris. Auch ihnen dürfte bekannt sein, dass ein geschlossener Raum ohne Lichtquelle..."
Ein Applaus unterbrach ihn.
"Bravo, Bravo... wie Öde! Ich möchte sterben!"
Aus der Dunkelheit erschien zuerst ein Gesicht, dann eine äußerst ungewöhnliche Lebensform; in Menschengestalt.
"Nur leider bleibt mir diese Erlösung verwehrt..."
"Q!", riefen Tom und Harry zeitgleich.
"Nein, nicht mehr. Kein Wort!", und mit einer raschen Handbewegung verschloss er alle Münder. Die Umgebung erhellte sich allmählich und schockiert nahmen sie wahr, dass niemand auch nur ein Ton hervorbringen konnte, obwohl sie ihre Lippen bewegten.
"Meine Herren... keine Sorge, auch wenn ich gerne das Universum von ihrem Geschwafel erlösen würde, so ist es gewiss nicht meine Intention sie ewig mundtot zu machen, dafür gäbe es interessantere Möglichkeiten, glauben sie mir."
Q grinste breit.
"Ich habe gelegentlich das eine oder andere Auge auf dieses kleine Schiff geworfen - das ist nur eine Floskel Harry, nicht so schockiert sein! Und nein, was habe ich mir nur dabei gedacht, als ich Jean-Luc eingestand, dass eure ach so jämmerliche Spezies ein Hauch von Potential besäße! Ihr habt die einmalige Möglichkeit eine gänzlich neue Region eurer Galaxis - weit entfernt eurer Heimat - zu erforschen... vertan! Anstatt die Wunder des Alls zu erforschen, sich mit den neuen, sich mannigfaltig bietenden Möglichkeiten zu experimentieren... flieht ihr vor ihnen! Wenn sich auf der einen Seite etwas außergewöhnliches, noch nie da gewesene präsentiert, schaut ihr weg und fliegt in die entgegengesetzte Richtung! Und sprechen wir mal über die unzähligen Kulturen, die ihr verletzt, angegriffen oder sogar zerstört habt!"
Q hielt kurz inne.
"Oh Harry, ihre Gedanken fliegen mir aus ihrem Spatzenhirn glatt entgegen! Sie haben nie Kulturen zerstört, nein? Sicher?"
Die Tür zu Neelixs Quartier glitt auf und Harrys Körper schwebte ohne dessen Zutun hinein.
"Ich werde sie gleich mit einigen Individuen bekannt machen Harry. Individuen, die sie auf dem Gewissen haben. Durch Fehler, falschen Entscheidungen, Verzögerungen und vor allem Unwissenheit. Sie freuen sich schon lange sie persönlich treffen zu dürfen." Die Tür glitt zu.
"Nehmen wir doch als Beispiel die Hirogen... Wer erinnert sich? Oh ja, Tuvok, derjenige der das einzig kostbare im Universum, Emotionen, zu unterdrücken vermag... Für die menschliche Spezies erkläre ich es etwas genauer. Die Hirogen, eine Lebensform ohne Heimat, ohne Planeten, ohne Sesshaftigkeit. Jedes Individuum zählt gleich! Getrieben nach der Suche nach der perfekten Jagd. Über tausende Lichtjahre zerstreut... Und was passiert nach dem Kontakt mit dem homo interkosmos oder wie auch immer ihr euch selbst bezeichnet? Die Hirogen suchen einen Planeten, bauen Städte, simulieren die Jagt anstatt sie zu erleben!"
"Nein Neelix sie bemitleidenswerte Kreatur. Es geht um die einzige zentrale Frage im Universum, aber ich denke sie alle werden es wohl nie verstehen! Instinkt! Für die Hirogen die Jagt! Für die Klingonen... vielleicht der Schmerz, wer weiß?. Für die Borg die Perfektion. Und für euch meine Freunde. Die Neugier! Die Suche nach Fragen, nach Antworten und nach neuen Fragen. Jean-Luc hatte es verstanden, aber vielleicht, war er auch nur eine Ausnahme..."
"Und nun entschuldigt mich, ich werde mich noch mit Kathrin unterhalten müssen bevor ich eure jämmerliche Erinnerungen lösche und ihr mit eurem schmierigen Kindertheater weiter machen dürft, bis euch vor lauter Langeweile die Decke - oder der eigene Verstand - auf den Kopf fällt."
Dunkelheit.
"Oder eine höhere Instanz euch in die ewigen Abgründe des Vergessens befördert..."
Mit einem Zischen öffnete sich der Turbolift.
"Jetzt sei nicht so verdammt eingeschnappt!"
Tom Paris blickte überrascht auf. Er fühlte Belanas Streit suchender Blick noch bevor sich ihre Blicke kreuzten. Ein leiser Lufthauch zirkulierte durch den zylindrischen Lift, losgelöst von der präzisen Bewegung der sich öffnenden Türen. Die Anzeige leuchtete in matten Grün: Deck 11, Sektion 47. Elektronen die flossen, die etwas zum Leuchten brachten. Ein Leuchten dass sich unmerklich in den leicht matten Displays spiegelte, sich vermischte mit allen weiteren Reflektionen, mit dem diffusen Licht... Das leise Knistern der Uniform erklang bei jeder kleinen Bewegung, etwas was ihm zuvor nie bewusst aufgefallen war. Und seine Hand, ein unglaubliches Geschenk! Ein Werkzeug sondergleichen! Das Gefühl etwas zu berühren... Stahl, Stoff, Haut. Unmerklich hatte er nach Belanas Hand gegriffen. Die Wärme gespürt. Ein verwunderter Blick traf ihn. So seltsam. Und welch ein Wunder! Die Evolution zweiter weit entfernter Planeten! Unabhängig von einander solch komplexe Lebensformen hervorgebracht, die eines Tages sich trafen. Und dann das: Ein Mensch, ein Klingone! Und ein einzigartiges Kind! Millionen Jahre Evolution steckten in ihr...
"Tom, alles klar?", fragte Belana verwundert.
"Ja.", erwiderte er schlicht. "Ich bin nicht eingeschnappt."
Platz 2 belegt Komivo mit ...
"Die Träume der Menschen"
Was bleibt nach dem Tode, wenn nicht bleibt der Ruhm?
Was bleibt nach dem Tode? Große Tat! Großes Menschentun!
(Kurt Demmler)
Der Raum ist weit, das Licht ist kühl. Selbst sanfte Schritte werden erdbebengleich in dieser Halle.
Warum? Warum jetzt? Ein solcher Zwischenfall, auf dem Höhepunkt der Untersuchungen, ein Durchbruch zum Greifen nah.
Andersen zieht behutsam das Leichentuch zurück, sein Gesicht ist das Spiegelbild unerfreulicher Tage, er schweigt still. Zara beugt sich über das leblose Stück Mensch, mustert es traurig. Dies war einmal Simeon, der gefährlich honigsüße Tagtraum kleiner Mädchen. Jetzt ist das irgendwas, ein Bündel Fleisch, leblos und blass. Ein grauer Frieden liegt auf seinen Augen, er ist im Schlaf gestorben. Ihre Hände legt sie auf seinen Arm, hebt ihn am Handgelenk, er ist nicht starr, seine Hand beugt sich unter ihrem Griff. Blaues Blut unter der Wachshaut, ein wahrer Prinz des Todes. Sie beschaut sein Gesicht, neigt sich zu ihm herab: "Einem Elfenkönig gleichst du, armes Kind."
Ihre Fingerkuppen klopfen seine Schädeldecke ab. Sie dreht den Kopf ganz sachte, wirft einen Blick auf die Klebestellen der Dioden, findet nichts, sucht dennoch weiter, seufzt und lässt ab von ihm.
"Die Diagramme sind nicht sehr aufschlussreich.", Andersens raue Stimme knarrt wie ein Scharnier, es scheint den Leichenfrieden zu stören. Viel lebendiger als dieser Junge schaut er auch nicht aus, denkt sich Zara und hört ihm zu. "Es hat wohl einen Impuls gegeben, wir können es kaum erklären, aber nun ja, die Adrenalinausschüttung stieg rapide und dann ... es muss ein weiteres Hormon gewesen sein, dem Anschein nach, wie eine Überreaktion, ein Schock..."
"Andersen.", unterbricht sie ihn, "Hat Doktor Lüdeke meine Analyseauswertung und Empfehlungen zur Druckentlastung des Kleinhirns gelesen?"
"Das nehme ich doch stark an. Ich habe sie ihm bereits am Dienstag übergeben." Doch Andersen wird blass, dann rot. Seltsames Wechselspiel - sie ahnt, was es bedeutet. Er mag es gelesen haben, aber hat er es auch berücksichtigt?
Zara Niebergall, fünfundzwanzig Jahre alt. Zu jung um Ernst genommen zu werden und doch mit einem Verstand gesegnet, der die Schärfe gewetzter Messer übertrifft. Die Einladung ins Schlaflabor kam einem erhörten Gebet gleich und war doch vorauszusehen. Ihre Zeugnisse und die Vorarbeit hatten die Direktoren nicht nur überzeugt, sondern gar in Erstaunen versetzt. Die Faszination für das Projekt war ihr ins Gesicht geschrieben und seit das Team sie integriert hatte, wurden fundamentale Fortschritte gemacht. Mehr als einmal bewahrte sie das Experiment durch ihre Ergebnisse schon vor dem Aus. Und nun der Stolperstein. Von Dreihundert Probanden nun dieser eine Kandidat leblos in der bis dato ungenutzten Leichenhalle. Im Schlaf gestorben - welche ironische Romantik schoss einem da in die Mundwinkel ... oder war es die Hysterie, die in ihr aufstieg?
"Sagen Sie Nichts, Frau Niebergall."
Lüdeke - alt, boniert, und was am Schlimmsten ist: Besessen. Ohne Umschweife ist sie in die Überwachungszentrale geplatzt um ihm die Meinung zu sagen, doch ihr ganzer Elan wird mit einem mal aufgesaugt, nicht von seinen Worten, sondern von dem Anblick, der sich ihr bietet. Unten in der der verdunkelten Glaskuppel, welche eine sternenlose Nacht vortäuscht, liegen sie zu Hunderten, regungslos. Die Stellung der Regulatoren kann sie lesen wie ein Tanzlehrer eine Choreographie, sie weiß, was er tut. Was er versucht. Was ihn versucht.
"Das ist Mord!" haucht sie erschüttert, doch unliebsam wird ihr bewusst, dass dies keine Vokabel mehr ist, für das Massensterben, welches hier stattfinden wird.
"Keine Angst, Frau Niebergall. Ich habe neue Rechnungen aufgestellt. Die Projektion wird gewaltig sein!"
Er sieht nicht aus wie ein Wahnsinniger. Wenn er dann und wann ganz ruhig in der Mensa sitzt, lacht und isst, dann wirkt er wie ein netter Familienvater. Wahrscheinlich rauscht der Wahnsinn per se durch die Adern jedes Menschen und findet nur in Einigen die kleine Anomalie, die ihn zum Herrscher über das System ernennt.
Sie will fliehen, will in den Schlafsaal rennen und retten, wen sie retten kann, weiß, welche Stränge sie entfernen muss, welche Leitungen zu kappen sind, welche Spritzen die Todgeweihten aus dem künstlichen Koma befreien.
"Die Türen sind bereits verschlossen, Madame. Sie sollten nicht ihrer Wut folgen, dabei geraten elementare Dinge immer außer Acht."
Keine Heldentaten heute.
"Lüdeke, Sie abgedrehter Spinner! Wir sind Wissenschaftler und keine barbarischen Klingonen! Niemand wird Ihre Forschungsergebnisse jemals Ernst nehmen, wenn sie einem Massenmord entspringen! Dann ist all ihre wunderbare Technologie nicht mehr wert als ein Gramm Weltraumschrott. Was tun Sie da überhaupt, wollen Sie jetzt alle auf einmal töten, macht Ihnen das etwa Spaß, haben Sie Blut geleckt?"
Er fasst sie grob im Nacken, drückt sie mit ungekannter Wucht gegen die Scheibe, seinen Mund an ihrem Ohr, so übel erregend nah. "Ich habe es umverteilt, Zara. Der Druck, der Simeon zuviel wurde, wenn man ihr auf alle verteilt, wenn man sich Alles zusammen holt, wenn man..."
Was ihn unterbricht, sind die Monitore. Ihr statisches Flackern geht in einen Farbbrei über. Wie bei einem Weihnachtskalender springen sie nacheinander an, die Probanden sind im REM Schlaf.
Er lässt sie los und sie kann sich nicht rühren, kann nichts tun außer auf die Monitore zu schauen. Wie kann man sich dem verwehren, wofür man so lange gearbeitet hat? Wie könnte man nicht erstarren, wenn sich die prognostizierte Möglichkeit als eben eingetretene Wirklichkeit vor einem ausbreitet wie ein samtener Teppich? Hunderte von Hirnwellen in einer Bildpunkttranskription. Das Ticket zu einem Film, der bisher dem Individuum vorbehalten war.
"Sieh es dir an, Zara." Seine Stimme zittert, seine Knie setzen auf dem grauen Linoleum auf. Er verschiebt fast zärtlich ein paar Regulatoren, dreht die Schärfeneinstellung hoch, verändert den Frequenzbereich.
"Schau auf die Träume der Menschheit."
Sie tut es. Ein Traum von einem Sommertag am Meer. Ein Traum von Angriffen in einem ihr unbekannten Land. Ein Traum von einem Rosengarten. Ein lachendes Kind, ein zahnloser Mann, ein dunkler Fremder, eine sterbende Mutter, ein Pferderennen, ein bunter Schleier, eine ausgelassene Party, ein Schwimmbad voller Kinder, eine Totgeburt ...
Ihr wird schlecht. Urplötzlich wird ihr, als habe sie all diese Menschen persönlich entkleidet und ihrer Würde beraubt. Vergewaltigt. Um ihren rechten Platz im Universum betrogen.
Dann flackern die Bilder. Die Herzfrequenzen spielen verrückt. Epileptische Anfälle, Ekstasen, Herzflimmern. Zuviel Adrenalin. Und noch etwas Anderes, sie kann es nicht entziffern, es ist neu.
Es war nicht das Kleinhirn, denkt Zara. Es war nur die Weltordnung, die sich gegen uns wehrte.
Sie vergisst Lüdeke, vergisst, wer sie ist, wo sie ist. Starr sind ihre Augen auf einen toten Punkt im Raum gekehrt, während alle anderen Punkte ebenso tot ihren Schlaf aushauchen.
Platz 3 teilen sich NickHavoc und Ebert_Leupaig.
Alle Kurzgeschichten finden Sie unter: http://www.voyager-center.de/community/forum/themaid-2723.stvc
Das STVC-Team bedankt sich noch einmal bei allen Teilnehmern!
(sl); STVC-Meldung vom 14.10.2008; Quelle: STVC
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