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Kritik
Wer sich einige Kritiken zu dieser "Enterprise"-Episode im Internet angeschaut hat, der wird einen einheitlichen Tenor feststellen können: eine typische, durchschnittliche "Star Trek"-Folge, die dem Zuschauer nichts Neues bietet. Aber, was ist daran schlecht? Eine Episode mit bekanntem Inhalt, gut und neu abgemischt mit ein paar tollen Ideen und vor allem gut umgesetzt ist allemal besser als ein gekünstelt neues Drehbuch, das zu "Star Trek" schlicht nicht passen würde. "Terra Nova" bietet dem Zuschauer eine interessante Geschichte, eine solide und gute Umsetzung mit tollen Schauspielern und doch "Star Trek" - etwas anders als bisher.
Vor über siebzig Jahren wurde die erste menschliche Kolonie außerhalb des Sonnensystems gegründet - "Terra Nova", "Neue Erde". Neun Jahre brauchte die Crew damals, um auf den zwanzig Lichtjahre entfernten Planeten zu gelangen. Der Kontakt mit der Erde riss wenige Monate später ab, nachdem die Kolonisten darauf bestanden hatten, keine weiteren Schiffe mehr auf den Planeten zu lassen, weil sie unter sich bleiben wollten. Seither hatte man nie wieder etwas von der Kolonie gehört. Eine Rückkehr zur Erde wäre nicht einmal möglich gewesen, da die Gebäude der Kolonie aus Schiffsteilen bestanden - ein Konzept, auf das die NASA heute bereits setzt.
Wer sich diese Situation einmal genau überlegt, der wird zum Schluss kommen, dass diese Idee gar nicht so absurd ist. Die erste bemannte Mars-Mission wird zwar nicht vor 2010 starten, doch selbst dann wird ein Flug dorthin Monate dauern. Wenn dann auf dem Mars der Kontakt mit der Erde abreißen würde, müsste es sich die NASA gut überlegen, ein weiteres Schiff auszusenden, immerhin würde es weitere drei Monate dauern, bis es ankommt. Die meisten "Star Trek"-Episoden waren nahe am Zeitgeschehen, oder ihm sogar weit voraus, sei es die erste schwarze Frau, die allen anderen Crew-Mitgliedern in der Originalserie gleichgestellt war oder die Episoden von "Star Trek: Das nächste Jahrhundert", die sich mit dem Thema des Klonens oder der Behandlung von Gefangenen auseinandersetzte. "Terra Nova" steht dem in nichts nach, gleichwohl die ersten Kolonien der Menschheit noch weit entfernt liegen.
Die "Enterprise" soll den Verbleib der "Terra Nova"-Kolonie untersuchen und entdeckt, um den Orbit des Planeten kreisend, eine geringe Strahlung auf der Oberfläche. Ihr Ursprung ist ebenso wie der Aufenthalt der Kolonisten unbekannt, das Lager seit Jahrzehnten verlassen und verrottet. Malcolm Reed, T'Pol und Fähnrich Mayweather, der sich sehr für das Projekt interessiert hatte, begleiten Captain Archer auf den Planeten. Bei näheren Untersuchungen entdeckt Mr Reed ein humanoides Wesen, das sich vor ihm versteckt und in eine Höhle flüchtet. Jonathan Archer folgt dem Unbekannten mit Lieutenant Reed in den Fels hinein und findet tief in einem der Höhlensysteme ein kleines Lager, bei dem sich Werkzeuge und auch weitere der fremden Wesen befinden.
Ungewollt entsteht ein Feuergefecht, bei dem die Unbekannten mit altertümlichen Schusswaffen das Feuer erwidern und Malcolm Reed verletzen. Captain Archer kann sich mit Travis Mayweather und Sub-Commander T'Pol ins Shuttle flüchten und fliegt zurück zur "Enterprise".
Entgegen alter "Star Trek"-Tradition verläuft der erste Kontakt mit den Unbekannten nicht friedlich, sondern endet in einem kleinen Kampf, bei dem die "Enterprise"-Crew den Kürzeren zieht und sich geschlagen geben muss, trotz überlegener Technologie. Die Musik, die der Komponist David Bell für den Besuch des Planeten geschrieben hat, erinnert unwillkürlich an Jerry Goldsmiths Stücke für "Star Trek IX: Der Aufstand" oder "Star Trek VIII: Der erste Kontakt". Stimmungsvoll und rhythmisch kommen die harten Klänge daher, und klingen dabei ähnlich wie manche "Deep Space Nine"-Episoden.
Vor allem jedoch ist dies gänzlich anders als in den bisherigen "Enterprise"-Episoden, die alle einen eigenen Klang besaßen. Insgesamt gesehen dürfte David Bell für seine Arbeit in dieser speziellen Episode wohl für den "Emmy" nominiert werden, wenn nicht gar dafür ausgezeichnet.
Die Aufnahmen auf dem Planeten wirken ebenso wie die Bauten sehr natürlich und vor allem die Verwendung natürlicher Lichtquellen, die bei "Enterprise" seit dem Pilotfilm vorherrscht, lässt das Geschehen bei weitem nicht so steril erscheinen, wie es bei den bisherigen "Star Trek"-Serien der Fall war. Regisseur LeVar Burton versteht es dazu gut, die Hektik in dem Feuergefecht nicht unübersichtlich und chaotisch werden zu lassen. Ein Handwerk, das bei vielen anderen erfahrenen und alteingesessenen Serien heutzutage verloren gegangen zu sein scheint.
Von der "Enterprise" aus ist T'Pol in der Lage, Lieutenant Reed zu lokalisieren - er befindet sich tief in einem Stollenschacht, umgeben von zwei Wachen. Da der Schacht zu tief liegt, können sie ihn auch nicht herausbeamen und Captain Archer begibt sich mit Doktor Phlox wieder zurück auf den Planeten. Nachdem sie sich auf freiem Feld ergeben haben, werden sie von zwei Fremden, die wie Menschen mit einer seltsamen Gesichtsbemalung aussehen, in eine der Höhlen geführt, wo Doktor Phlox Mr Reed behandelt.
Ein älterer Fremder fordert Captain Archer in menschlicher Sprache auf, den Planeten zu verlassen, da sie keine Menschen wollen, die ihnen schon einmal den sauren Regen gebracht haben. Die älteste Frau, die sich in der Gruppe Fremder befindet, scheint krank zu sein und wird von Doktor Phlox untersucht. Mit etwas Überredungskunst gelingt es dem Captain, sie und den Mann, der bei ihr ist, auf die "Enterprise" mitzunehmen, um sie dort genauer zu untersuchen. Malcolm Reed bleibt indes als Pfand zurück.
An Bord der "Enterprise" entdeckt Doktor Phlox Lungenkrebs, der sich bei der Frau ausgebreitet hat. Dieser ist zwar behandelbar, allerdings wird es ein paar Stunden in Anspruch nehmen. T'Pol und Charlie Tucker unterrichten den Captain, dass vor über 70 Jahren in der nördlichen Hemisphäre ein Asteroid eingeschlagen ist - das ergeben die Untersuchungen - der wohl eine radioaktive Staubwolke ausgelöst hat, die dann über ein Jahr den nördlichen Planeten umhüllte.
Vor über 30 Jahren betrat der Mensch den Mond. Der Mars ist beinahe schon in greifbare Nähe gerückt, und von Kolonien auf fremden Planeten träumt jeder Sciencefiction-Fan. Was aber, wenn ein solcher Traum durch einen Asteroiden zerstört würde und die Überlebenden gezwungen wären, über drei Generationen in der Erde zu leben? In Höhlen, in die früher oder später die Radioaktivität ebenfalls vordringen wird? Wieviel würde man in der dritten Generation denn noch von den Geschehnissen von vor über 70 Jahren wissen? Schlechtes Timing - mögen manche sagen. Wer kann aber versichern, dass es den ersten Kolonisten auf dem Mars nicht ähnlich ergehen wird?
Die Situation ist an sich gar nicht so fantastisch und sie wird hier auch nicht reißerisch dargestellt. Der Asteroid interessiert nicht, sondern die Menschen, die sich nun Novaner nennen, ein Überbleibsel der eigentlichen Mission, und ihr Schicksal. Behutsam tastet sich die Geschichte an die einzelnen Geschehnisse heran und lädt dabei den Zuschauer ein, sich der Reise anzuschließen. Und wer der Episode bisher nur ein paar Sekunden seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, der wird sich Charlie Tuckers Kommentar anschließen: "Sie haben Jahre damit zugebracht, hierher zu kommen. Und wofür?"
Bei weiteren Untersuchungen offenbart sich dem Doktor ein neues Problem der Novaner: Da radioaktive Partikel ins Grundwasser gelangt sind, sind die Menschen auch in den Höhlen nicht mehr davor sicher, und das, obwohl sie bereits als Kinder einen natürlichen Immunschutz dagegen entwickelt hatten. Captain Archer teilt dies den Fremden, die an Bord der "Enterprise" sind, mit und zeigt der Ältesten auch ein Foto, das er in der Datenbank gefunden hat. Ein kleines Mädchen darauf ist tatsächlich die alte Frau, die er vor sich sitzen sieht. Sie erinnert sich langsam an ihre Kindheit und daran, dass die Menschen womöglich doch nicht die Unheilbringer sein können, wie die Novaner, zu denen sie sich selbst zählt, es behaupten.
Nichtsdestotrotz muss der Captain sie auf den Planeten zurückbringen, da dies ihr einziger Wunsch ist. T'Pol erklärt ihm nochmals die Möglichkeiten einer erzwungenen Umsiedlung oder aber, die Novaner zu lassen, wo sie sind, in der Gewissheit, dass sie sterben werden. Dabei kommt Jonathan Archer eine Idee: Da nur die nördliche Hemisphäre von der Strahlung betroffen ist, könnte man die Novaner auf den südlichen Kontinent evakuieren, dort könnten sie weiterhin in Höhlen wohnen oder aber an die Oberfläche zurückkehren.
Auf dem Rückweg zum Planeten erklärt er dies Jamin und Nadet, so die Namen des beziehungsweise der Ältesten. Allerdings sind sie immer noch dagegen. Als das Shuttle auf dem Planeten landet, stürzt die darunterliegende Kammer ein und zieht das Shuttle mit sich hinunter. Alle Insassen können sich befreien und bei ihrem Rückweg zur Kolonie stoßen sie auf einen verschütteten Novaner, der bei den Erschütterungen unter einen Felsen geriet.
Nur mit vereinten Kräften können Jamin und Archer den Mann befreien und sie lernen langsam, sich zu vertrauen. In der unterirdischen Kolonie erkennt auch Nadet, dass es das Beste ist, wenn ihr Volk auf die Menschen hört und in den Süden zieht.
Dass die radioaktiven Partikel des Asteroiden auch nach siebzig Jahren nicht gänzlich verschwunden sind, damit hat wohl jeder Zuschauer gerechnet. Dass diese jedoch auch in das Grundwasser gelangen, durch Regen oder Flüsse - das ist zwar einleuchtend, aber wirklich damit gerechnet hatte wohl niemand. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Autoren viel Zeit in die Drehbücher investieren und die sehr verständlichen Handlungen der Charaktere untermauern das. Die Szene, in der Jonathan Archer Nadet das Foto aus ihrer Jugend zeigt, wird den meisten Zuschauern unvergessen bleiben. Nicht nur, weil die schauspielerischen Leistungen von allen Beteiligten der Szene, allen voran Scott Bakula und Mary Carver, die Nadet spielt, absolut hervorragend sind, sondern vielmehr, weil die Musik in dieser speziellen Szene eine ganz andere Richtung einschlägt, als es bisher der Fall war.
Statt den üblichen, recht kleinen "Star Trek"-Orchestern, trägt ein leises Klavier die Szene, untermalt von dezenten Streichern. Entgegen den bisher recht harten Tönen klingt diese Melodie schon leicht melancholisch und verträumt. In Erinnerungen schwelgend könnte man meinen, dass Nadet in jeder Sekunde eine Träne über die Wangen laufen würde. Völlig klischee- und kitschlos wirkt das Stück doch irgendwie ermutigend, wozu die ruhige und zurückhaltende Inszenierung ihren Teil beiträgt.
Captain Archers anschließende Unterredung mit T'Pol macht einmal mehr die besondere Beziehung der beiden Charaktere deutlich: Grob gefasst ist sie nichts weiter als sein Gewissen - und das ist gleichsam die schwerste Aufgabe, die sie zu erfüllen hat. Sie offenbart ihm beide Alternativen und rät ihn zur Vernunft. Eine Entscheidung kann sie ihm jedoch nicht abnehmen, die muss er allein treffen. Wie tief die Freundschaft gehen wird, die sich zwischen den beiden entwickelt, kann man nur erahnen. Potential ist genug da, um sie noch inniger zu gestalten, als es bei Kirk und Spock der Fall war.
Um 70 Jahre voll feindseliger Gefühle gegen die Menschen bei den Kolonisten vergessen werden zu lassen, bedarf es jedoch mehr als ein Foto. Hierzu ist Vertrauen nötig, ein Vertrauen, das bei der Befreiung eines eingeschlossenen Mannes enstehen kann. Ein Happy End ist das sicher nicht, aber ein Schritt darauf zu. Und gerade beim Finale in den Höhlen beweist LeVar Burton, dass er die Regiekunst recht gut beherrscht - übersichtlich, nicht zu hektisch oder gar reißerisch lässt er in jeder Kamera-Einstellung Zeit, die Charaktere zu beobachten, wie sie zögern, einander zu vertrauen, oder der anderen Person eine Waffe geben, um den verschütteten Mann zu befreien.
Der Entschluss der Kolonisten, in den Süden zu ziehen und eine neue Kolonie auf den Zuspruch der "Enterprise"-Crew zu gründen, mag für viele zu versöhnlich sein. Allerdings wird damit auch der Grundstein gelegt, um nach 70 Jahren die "Neue Erde" Wirklichkeit werden zu lassen.
Fazit
Als langatmig und durchschnittlich verschrien, beweist "Terra Nova" einmal mehr, dass eine bekannte Geschichte mit neuen Ideen immer noch spannend und gut erzählt werden kann. Die Schauspieler sind erstklassig und kommen alle zum Zug.
Der Komponist der Episode, David Bell, hat eine hervorragende Arbeit geleistet und die gesamte Ausstattung, die Trickeffekte und die Inszenierung erinnern eher an einen Kinofilm als an eine TV-Episode.
Vielleicht nicht unbedingt neu, aber "Enterprise" verweist wieder alle kläglichen Sciencefiction-Serien-Versuche wie "Andromeda", "Mission Erde" und "Farscape" auf die Plätze und zeigt, dass 30 Jahre Erfahrung eben mehr bedeuten als lilane Charaktere. Bei diesen Serien fehlt sichtbar bereits das Handwerk, welches bei "Star Trek" nicht nur besteht, sondern auch exzellent genutzt wird. Dazu die gar nicht so fantastische Story und hervorragenden Schauspieler machen aus der Episode wieder ein echtes "Star Trek".
Note: 2+
Inhalt von Alexander Dennebaum (ad), Kritik von Jens Adrian (ja); aktualisiert am 25.08.2004 [12749 Aufrufe; 0 Kommentare]